Verantwortlich: Dr. Dieter Dettke,
Redaktion: Ursula Soyez
A m e r i c a A l e r t
Informationsservice des Washingtoner Büros der FES
Ausgabe 3/2004 4. Febuar 2004
Die amerikanischen Vorwahlen nach dem großen Erfolg von John Kerry:
Wie geht es weiter im Kampf um die Nominierung
Nach Iowa und New Hampshire hat John Kerry jetzt klar die Rolle des frontrunners
übernommen. Er hat die Nominierung aber noch nicht in der Tasche, denn Kerry braucht dazu
2161 Delegierte, die auf dem Nominierungskonvent in Boston vom 26. bis 29. Juli auf ihn
festgelegt sind. Bis jetzt hat er nur 248 hinter sich. Im Vergleich dazu: Edwards
102, Dean 121, Clark 81, Sharpton 5, Kucinich - 2. Der
Löwenanteil von Delegiertenstimmen steht am 2. März auf dem Spiel, wenn am so genannten
Super Tuesday in Kalifornien (440), New York (284), Ohio (159), Massachusetts (121),
Georgia (102), Maryland (98), Minnesota (86), Connecticut (61), Rhode Island (32), Hawaii
(29), und Vermont (22) gewählt wird. Durch den Sieg von John Edwards in South Carolina
und Wesley Clark in Oklahoma ist der Nominierungsprozess theoretisch noch ein
Dreierrennen. Howard Dean hat kaum noch Chancen, sich in den nächsten Tagen und Wochen,
wenn noch vor Super Tuesday in Michigan und Washington (7. Februar), Maine (8. Februar),
Tennessee (10. Februar), Wisconsin (17. Februar), Idaho und Wisconsin (24. Februar) und
Utah (27. Februar) gewählt wird, Kerry ernsthaft Konkurrenz zu bieten. Clark konnte sich
in Oklahoma nur ganz knapp vor Edwards behaupten, ein Anzeichen dafür, dass er zur Zeit
bestenfalls an dritter Stelle liegt. Fachleute rechnen damit, dass Clark und Edwards es
vielleicht noch bis zum 3. März durchhalten, dann aber aufgeben müssen, wenn der
gegenwärtige Trend und die performance von John Kerry anhalten. Joe Lieberman hat nach
seinem schlechten Abschneiden am 3. Februar schon die Konsequenz gezogen und ist aus dem
Rennen ausgeschieden. Für Al Sharpton und Dennis Kucinich kommt es nicht unbedingt auf
Sieg an. Teilnahme ist alles, auch weil beide den Wahlkampf ohne großen finanziellen
Mitteleinsatz betreiben. Für beide würde es reichen, wenn aus ihrer Teilnahme am
Wahlkampf eine Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Boston herausspringt.
Es ist spürbar, dass die Demokraten sich trotz einer Vielzahl von Kandidaten in einem
Punkt als einheitlich und nicht als gespalten erweisen: in dem anschwellenden
Bocksgesang - um es mit Botho Strauß zu sagen George W. Bush zu schlagen.
Was die fünf Wahlsiege von John Kerry am 3. Februar (in Arizona, Delaware, Missouri, New
Mexico und North Dakota) vor allem gezeigt haben ist, dass man dies am ehesten John Kerry,
aber weniger John Edwards oder Wesley Clark zutraut und am wenigsten Howard Dean. Wenn
John Kerry sein gegenwärtiges Tempo beibehalten kann an Wahlkampfspenden fehlt es
ihm nun nicht mehr ist ihm die Nominierung nicht mehr zu nehmen. Vor ihm stehen
jedoch noch schwere Tage der Prüfung und der verzweifelten Angriffe auf Person und
Programm, vor allem von Howard Dean, aber auch von John Edwards und Wesley Clark, für sie
das einzige Mittel, um noch eine Alternative anzubieten und im Rennen zu bleiben.
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wer Kerrys
Vizepräsidentschaftskandidat wird. Clark würde als General die sicherheitspolitische
Kompetenz eines solchen Gespanns redundant machen und deshalb keine sinnvolle Paarung
abgeben. Edwards wäre die optimale geographische Verstärkung für Kerry, aber Edwards
würde mit seiner eher protektionistisch ausgerichteten politischen Botschaft dem Weißen
Haus und dort insbesondere Karl Rove auch Angriffsflächen bieten. Die
Angriffslinien des Weißen Hauses gegenüber Kerry zeichnen sich bereits ab. Kerry
gehörte zu den 14 Senatoren, die gegen den so genannten Defense of Marriage Act gestimmt
haben. Der Defense of Marriage Act wurde 1997 von Republikanischer Seite eingebracht (Bob
Barr, R-Georgia) und von Präsident Clinton unterzeichnet. Einzelstaaten erhielten damit
die Möglichkeit, gleichgeschlechtliche Ehen, die andere Staaten zugelassen hatten, nicht
anzuerkennen. Die Ehe wurde in diesem Gesetz als union between one man and one
woman definiert. Der Vorsitzende des Republican National Committee, Ed Gillespie,
hat bereits darauf hingewiesen, dass man Kerrys Befürwortung der
gleichgeschlechtlichen Ehe zur Diskussion stellen wird. Das Thema
gleichgeschlechtliche Ehe hat jetzt nach der gestrigen Entscheidung des
Verfassungsgerichts des Staates Massachusetts rechtzeitig zum Auftakt des Wahljahres eine
neue Dynamik erhalten. Die Verfassungsgerichtsentscheidung von Massachusetts und
Kerry stammt aus diesem für seine linksliberale Grundhaltung bekannten Einzelstaat
bedeutet, dass Massachusetts die gleichgeschlechtliche Ehe gesetzlich nicht ausschließen
darf. Für die Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe ist dies ein wichtiger
politischer Durchbruch.
Die Aufmerksamkeit bei den Spekulationen über den Vizepräsidentschaftskandidaten richtet
sich jetzt auch auf den jetzigen Gouverneur von New Mexico und früheren UN-Botschafter
und Energieminister in der Clinton-Administration, Bill Richardson. Er ist eine zentrale
politische Figur der amerikanischen Latinos und könnte am sichersten den Versuch der
Republikaner blockieren, politische Einbrüche in der hispanic community zu erzielen. Die
Latinos sind heute die größte Minderheit in den USA, zahlenmäßig inzwischen größer
als die Afro-Amerikaner und politisch zwar überwiegend, aber weniger stark auf die
Demokratische Partei ausgerichtet als die schwarze Bevölkerung Amerikas. Schwarze sind zu
90% Wähler der Demokratischen partei und die Aussichten auf größere Einbrücke der
Republikaner hier sind gering, trotz Colin Powell und Condoleezza Rice in hohen Ämtern
der Bush-Administration. Richardson ist auch Präsident des Parteikonvents der Demokraten
in Boston und muss sich bis zur offiziellen Kandidatenwahl neutral verhalten. Aber auch
die hinausgezögerte Wahl eines Vizepräsidentschaftskandidaten bis zum Parteikonvent in
Boston wäre eher ein strategischer Vorteil in der Auseinandersetzung mit George W. Bush.
Es würde bedeuten, dass Kerry seinem Wahlkampf ein neues dynamisches Gesicht für den
Herbst geben könnte, denn Bill Richardson ist unverbraucht und ein geübter energischer
Wahlkämpfer. Für das Weiße Haus sind die Entwicklungen im Lager der Demokraten keine
guten Nachrichten. Kerry schneidet zur Zeit in Umfragen die ihn in einer hypothetischen
Wahl George W. Bush direkt gegenüberstellen, besser ab als der zur Zeit amtierende
Präsident. Eine Gallup-Umfrage vom 3. Februar dieses Jahres ergab, dass Kerry in einer
direkten Gegenüberstellung mit George W. Bush 53% der Stimmen erhalten würde und George
W. Bush nur 46%. Auch John Edwards und Wesley Clark können ähnliche Umfragedaten
vorweisen.
Das Desaster im Umgang mit manipulierten Geheimdienstinformationen zur Begründung des
Irak-Krieges lässt eine schwere Glaubwürdigkeitslücke für die Bush-Administration
zurück. Die überparteiliche Untersuchungskommission, die jetzt das Versagen der
Geheimdienste in der Frage der irakischen Massenvernichtungswaffen zu prüfen haben wird,
obwohl die Bush-Administration sich bis vor kurzem noch standhaft weigerte, eine solche
Untersuchung des Entscheidungsprozesses im Irak-Konflikt zuzulassen, ist keine Garantie
dafür, dass das Thema für den Wahlkampf neutralisiert werden kann. Ein Heraushalten
dieser Frage aus dem Wahlkampf ist zwar von der Bush-Administration beabsichtigt
das Ergebnis der Untersuchung soll erst nach den Wahlen vorgelegt werden aber es
ist unwahrscheinlich, dass sich die amerikanische Öffentlichkeit mit einem Ausblenden
dieser Frage aus dem Wahlkampf abfinden wird. Eine Unterdrückung der Aufklärung als
Strategie könnte sich auch zum Nachteil der Bush-Administration auswirken.