Verantwortlich: Dr. Dieter Dettke,
Redaktion: Michael Czogalla


A m e r i c a   A l e r t
Informationsservice des Washingtoner Büros der FES

Ausgabe 5/2005 ­ 3. August 2005

Die amerikanischen Gewerkschaften in der Krise:
Aufbruch oder Niedergang nach der Spaltung?

Was seit mehr als einem Jahr befürchtet wurde, trat auf dem 25. ordentlichen Kongress des AFL/CIO – er findet alle zwei Jahre statt – Ende Juli dieses Jahres in Chicago ein: SEIU (Service Employees International Union) und die Teamsters erklärten offiziell ihren Austritt aus dem Dachverband der amerikanischen Gewerkschaften. Eigentlich wollte der Vorsitzende der AfL/CIO, John Sweeney, auf diesem Kongress das 50-jährige Bestehen des Zusammenschlusses von AFL und CIO feiern und seine bisher 10-jährige Amtszeit mit der Wiederwahl krönen. John Sweeney wurde zwar in Chicago für weitere zwei Jahre gewählt, aber der 50. Jahrestag des Zusammenschlusses von AFL und CIO wurde nicht zum Tag der Einheit, sondern der Spaltung. AFL (American Federation of Labor) und CIO (Conference of Industrial Organizations) hatten sich 1955 nur mühsam zusammen finden können und schufen einen gemeinsamen Dachverband, der keineswegs frei von Strukturproblemen war. Dennoch gelang es unter Führung von George Meaney, der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung in den 50er und 60er Jahren zu einem historisch beispiellosen politischen Einfluss zu verhelfen. Nicht nur der Sitz des AFL/CIO war dicht am Weißen Haus. George Meaney wurde von allen Präsidenten während seiner 25-jährigen Amtszeit (von Eisenhower über Kennedy, Johnson und Nixon bis zu Jimmy Carter) nicht nur zu innen- und wirtschaftspolitischen Fragen, sondern auch in wichtigen außenpolitischen Fragen konsultiert.
 
Seit der Reagan-Ära ging der politische Einfluss der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung jedoch dramatisch zurück. Reagan setzte mit der Entlassung der streikenden Fluglotsen ein Zeichen. Gewerkschaftsfeindlichkeit wurde hoffähig und der gewaltige Importsog der mit der amerikanischen Hochzinspolitik in der Reagan-Ära einherging sowie die zunehmende Globalisierung führten zu einer Schwächung der amerikanischen Gewerkschaften. Vor allem in der Automobil- und Stahlindustrie, aber auch in der Fertigungsindustrie gingen Millionen von Arbeitsplätzen verloren, in Bereichen also, in denen die amerikanischen Gewerkschaften am stärksten organisiert waren. Der Organisationsgrad der amerikanischen Arbeitnehmer nahm drastisch ab. Waren am Ende des Zweiten Weltkriegs noch gut ein Drittel der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert, sind es heute nur noch weniger als 12 Prozent wenn man den öffentlichen Sektor einbezieht. Im privaten Sektor sind nur noch 8 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer organisiert. Der AFL/CIO war nicht in der Lage, mit seinen Anstrengungen zur gewerkschaftlichen Organisation angesichts einer ungeheuer dynamischen Ausweitung des amerikanischen Arbeitsmarktes mit zu halten. Prozentual stetig sinkende Mitgliedszahlen waren die unvermeidliche Folge dieser Entwicklung. Im Grunde setzte der Mitgliedsschwund – wie der Gewerkschaftskenner der Harvard University, Richard Freeman, betont – praktisch mit dem Zusammenschluss von AFL/CIO im Jahre 1955 ein. Der damalige Höhepunkt gewerkschaftlicher Organisation und gewerkschaftlicher Macht wurde nie wieder erreicht oder gar überschritten. Die Frage stellt sich also, ob und wie dieser beharrliche Negativtrend aufzuhalten ist. Überzeugende Antworten und Konzepte fehlen bisher auch der sich jetzt vom AFL/CIO trennenden Change to Win Coalition, eine Gruppe von Einzelgewerkschaften überwiegend aus dem Dienstleistungsbereich.
 
Eine Ironie der Geschichte der heutigen Krise der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung ist, dass John Sweeney, damals selber Vorsitzender der SEIU, also die Gewerkschaft, die sich jetzt unter der Führung von Andrew Stern am stärksten für die Trennung vom Dachverband ausgesprochen hat, 1995 in einer Revolte gegen die damalige AFL/CIO Führung zur Macht kam. Sweeney machte vor zehn Jahren Lane Kirkland und Tom Donahue für den Mitgliedsschwund und die Schwächung der amerikanischen Gewerkschaften verantwortlich und versprach, die Organisationsanstrengungen des AFL/CIO zu erhöhen. Sein für Organisationsfragen der SEIU verantwortlicher Mitarbeiter war damals Andrew Stern. Stern übernahm den Vorsitz von SEIU nachdem John Sweeney zum Vorsitzenden des AFL/CIO gewählt worden war. Heute führt Andrew Stern die Revolte gegen John Sweeney an, der damals sein Chef war und zwang damit John Sweeney sogar dazu, seine Mitgliedschaft in der SEIU aufzugeben, denn als Vorsitzender des AFL/CIO kann nur jemand gewählt werden, der Mitglied einer Gewerkschaft ist, die dem AFL/CIO angehört. Hinter dem Vorgehen von Andrew Stern vermuten viele auch persönliche Ambitionen und Rivalitäten. Das kann man zwar nicht ganz ausschließen, aber Dimension und Größenordnung des Einschnitts, der mit der Spaltung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung verbunden ist, legen nahe, dass hier Strukturfragen im Vordergrund stehen und nicht persönlicher Ehrgeiz.
 
SEIU und Teamsters zusammen vertreten fast ein Drittel der rund 13 Millionen Arbeitnehmer, die bisher AFL/CIO Mitglieder waren. Die finanziellen Konsequenzen der Spaltung für den AFL/CIO sind gewaltig: Der Dachverband verliert rund 25 Millionen Dollar seines bisherigen Jahresbudgets in Höhe von 120 Millionen Dollar. Damit wird die politische Handlungsfähigkeit der amerikanischen Gewerkschaften eingeschränkt. Bisher war der AFL/CIO die wichtigste finanzielle Säule der Demokratischen Partei. Nicht nur ist und bleibt die amerikanische Gewerkschaftsbewegung das bei weitem wichtigste Wählerreservoir der Demokratischen Partei. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen leisteten die Gewerkschaften insgesamt einen Beitrag von rund 150 Millionen Dollar für den Wahlkampf der Demokraten. Ob nach der Spaltung noch weiterhin Gelder in dieser Höhe für politische und Wahlkampfzwecke zur Verfügung gestellt werden können, ist sehr die Frage.
 
Nach dem Willen von Andrew Stern und seiner Change to Win Coalition, zu der außer SEIU und den Teamsters auch UNITE HERE, die Laborers' International Union of North America (LIUNA), die United Food and Commercial Workers International Union (UFCW), die United Brotherhood of Carpenters and Joiners of America sowie die United Farm Workers gehören, sollen nicht Ausgaben für politische Zwecke im Vordergrund stehen, sondern die Mitgliederwerbung. Die größten Chancen für eine Erhöhung des gewerkschaftlichen Organisationsgrades sieht die Change to Win Coalition in den Bereichen der US Wirtschaft, die weniger vom Export von Arbeitsplätzen durch die Globalisierungsfolgen bedroht sind, also im Bereich von Dienstleistungen insbesondere auch im Niedriglohnbereich. Hier hat die SEIU in den vergangenen zehn Jahren große Erfolge in der Mitgliederwerbung verzeichnen können. Bei Frauen, Schwarzen, Hispanics und andere Minderheiten, sowie im Niedriglohnsektor sieht die Change to Win Coalition die größten Chancen einer Erstarkung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung durch neue Mitglieder. Führt diese Strategie zum Erfolg, dann muss die jetzige Spaltung nicht notwendigerweise zu einer Schwächung der amerikanischen Gewerkschaften insgesamt führen. Es könnte auch der Beginn einer Revitalisierung sein.


Auf diese mögliche positive Entwicklung als Resultat der Abspaltung der Change to Win Coalition vom AFL/CIO weisen nicht nur die der Koalition angehörenden Gewerkschaftsführer hin. Auch der ehemalige Arbeitsminister der Clinton-Administration, Robert Reich, argumentierte in einem Beitrag für die Washington Post in diese Richtung. Reich schrieb: “Hält man sich die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft vor Augen, dann ist möglich, dass das, was wir auf dem Kongress in Chicago letzte Woche erlebt haben, eine Wiedergeburt – oder zumindest eine Verjüngung – der Gewerkschaftsbewegung bedeutet.“ (Divided, They’ll Stand – Maybe Even Taller, The Washington Post, 31. Juli 2005, B4)


Andere Kenner der amerikanischen Gewerkschaften, darunter auch Richard Freeman, sehen in mehr Konkurrenz der Einzelgewerkschaften untereinander in den verschiedenen Industriebereichen auch Vorteile. Die Kritiker der Change to Win Coalition befürchten, dass die Spaltung vor allem der Gewerkschaftsbewegung schadet und allein die Unternehmer von der Schwächung der AFL/CIO profitieren. John Sweeney bezeichnete in seiner Rede auf dem AFL/CIO Kongress in Chicago die Abspaltung als eine “Schwächung der amerikanischen Arbeiterfamilie“. Es könnte aber auch sein, dass mit größeren und damit auch konkurrierenden Anstrengungen zur Mitgliederwerbung und zur gewerkschaftlichen Organisation von Betrieben die Unternehmerseite stärker unter Druck gerät. Die Anstrengungen der Change to Win Coalition zielen vor allem auf eine Erhöhung des Drucks zur Mitgliederwerbung und zur gewerkschaftlichen Organisation der Betriebe von Wall-Mart, FedEx, Comcast, Toyota und anderen bisher nicht gewerkschaftlich organisierten Unternehmen. Gelingt hier der Durchbruch könnte die Zukunft der amerikanischen Gewerkschaften durchaus in einem anderen Licht erscheinen.

Was aber werden die Folgen in den Bereichen sein, in denen der gewerkschaftliche Organisationsgrad gegenwärtig noch überdurchschnittlich hoch ist, wie zum Beispiel in der Automobilbranche in Detroit. Hier stehen die Gewerkschaften mit dem Rücken zur Wand, müssen den Export von Arbeitsplätzen befürchten und könnten gerade deswegen zu mehr Radikalität und weniger Kompromissfähigkeit getrieben werden, zum Beispiel wenn es um die Kürzung von Altersvorsorge- und Krankenversicherungsleistungen im Interesse einer größeren internationalen Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Automobilbranche geht. Es gibt ja nicht nur eine Gewerkschaftskrise in Amerika. Es gibt auch eine Krise der amerikanischen (und europäischen!) Automobilindustrie.

Diese komplexe Gemengelage müsste eigentlich zu mehr internationaler Gewerkschaftszusammenarbeit führen. Der AFL/CIO hat jedoch unter den Zwängen des eigenen Reformdrucks den organisatorischen Unterbau seiner internationalen Gewerkschaftsarbeit in starkem Maße abbauen müssen. Es bleibt das Solidarity Center, aber effektive internationale Abstimmung und Konsultation kann über das Solitarity Center nur bedingt geleistet werden. Gefragt ist jetzt mehr Abstimmung zwischen Einzelgewerkschaften auf internationaler Ebene. Das müsste eigentlich auch im Interesse des AFL/CIO sein, auch wenn der eigene internationale Arbeitsbereich geschwächt ist. Die Change to Win Coalition steht einer Intensivierung der internationalen Gewerkschaftszusammenarbeit durchaus positiv gegenüber. Andrew Stern hat die internationale Arbeit und Präsenz von SEIU vor allem in Europa gestärkt. Er sieht die internationale Zusammenarbeit als einen durchaus zentralen Faktor zur gewerkschaftlichen Organisation amerikanischer Unternehmen und Betriebe an. Stern und auch andere amerikanische Gewerkschaftsführer verstehen die verstärkte internationale Gewerkschaftszusammenarbeit als zwangsläufige Folge der Globalisierung. Darin könnte ein wichtiger Faktor einer zukünftigen Revitalisierung der Gewerkschaften liegen. Allein wird dies aber nicht ausreichen.

Washington, den 03. August 2005

Dieter Dettke