Verantwortlich: Dr. Dieter Dettke,
Redaktion: Stefanie
Nesmith
A m e r i c
a A l e r
t
Informationsservice
des Washingtoner Büros der FES
Ausgabe 14/2004 – 6. August 2004
Nach dem Parteitag der Demokraten in Boston: Die Wahlchancen von John Kerry
I. John Kerrys Wahlkampfstrategie: Mano a Mano mit George W.
Bush
Für John
Kerry konnte der Nominierungsparteitag in Boston nicht besser laufen. Mit
eiserner Disziplin und einer bisher nie da gewesenen Einheit der Demokratischen
Partei feierte eine ganze Phalanx von Rednern - Parteioffizielle und
Familienmitglieder - den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, nicht nur –
und im Gegensatz zu George W. Bush – als Vietnam-Kriegshelden, sondern
auch als den besseren Commander in Chief für Amerikas Zukunft im Kampf
gegen den internationalen Terrorismus. Kerrys Wahlkampfstrategie nimmt
also ein zentrales Thema der Republikanischen Wahlkampfstrategie auf – Amerika
befindet sich im Krieg – und versucht auf dieser Grundlage inhaltlich und
personell dem amerikanischen Volk das bessere Führungsmodell anzubieten. John
Kerrys Vietnamerfahrung und sein heroischer Kriegseinsatz – im Gegensatz zu
der offensichtlichen Drückebergerei von George W. Bush während dieser
Zeit – geben durchaus einen geeigneten Hintergrund ab für die Herausforderung
des amtierenden Präsidenten auf dem Territorium, auf dem er sich am sichersten
glaubte: in der Führungsfrage und in der Führungsfähigkeit in einem Konflikt
neuer Art mit asymmetrischer Machtstruktur und einem komplexen Bedrohungsmuster.
Redner um Redner auf dem Parteitag, angefangen mit einer brillanten, meisterhaft
vorgetragenen Rede von Bill Clinton zum Auftakt, priesen Kerrys
Heroismus im Vietnamkrieg als Grundlage einer Führungsfähigkeit, auf die sich
alle, Amerika und die Welt, verlassen könnten. Die Parteitagsstrategie scheute
nicht vor einem Übermaß an emotionalen Bildern und Stilelementen zurück und die
Partei umgab sich, massiv wie nie zuvor, mit nationaler, patriotischer Symbolik,
der Flagge, der Nationalhymne und militärischen Symbolen. Der erste Satz von
John Kerry bei seiner Nominierungsrede, unterstrichen mit militärischem
Salutieren, lautete: “I am John Kerry and I am reporting for duty.“ In
zahlreichen Redebeiträgen, einschließlich der Nominierungsrede von John
Kerry, nahm die Demokratische Partei auch die Rolle einer “Hüterin der
Verfassung“ für sich in Anspruch. Niemand machte die Unterschiede zwischen dem
politischen Programm der Demokraten und den Zielen der
Bush-Administration eleganter deutlich als Bill Clinton, und er
tat das vor allem deshalb so überzeugend, weil er George W. Bush
kritisieren konnte, ohne ihn direkt anzugreifen:
- Als jemanden, der wie
auch George W. Bush – aber anders als Kerry – nicht in Vietnam
gedient hat und
- Als jemanden, der als
neuer Multimillionär von den Steuerbegünstigungen der
Bush-Administration für die Reichen profitiert.
Diese indirekten Hiebe verfehlten ihre Wirkung nicht und
umso stärker konnte Clinton den Kontrast zwischen den beiden Kandidaten
und ihrem Programm hervorheben, gipfelnd in der Aussage, dass die Republikaner
für ihre Politik ein geteiltes Amerika brauchen, nicht aber die Demokraten.
“Americans long to be united,“ erklärte er.
Das gespaltene Amerika
war auch das Zentralthema von John Edwards, schon als Kandidat in den
Vorwahlen, aber auch in seiner nicht sehr starken Rede auf dem Parteitag in
Boston. John Edwards ist sicher die beste Wahl, die John Kerry bei
der Auswahl eines Vizepräsidentschaftskandidaten treffen konnte: jung,
dynamisch, charismatisch, populistisch, aus dem Süden stammend und ausgestattet
mit einer Vita, die den Demokraten vor allem auf dem Lande und dort, wo
George W. Bush seine stärkste Basis hat, im religiös geprägten Süden
Amerikas, durchaus Stimmen zurückgewinnen kann.
Ungewöhnlich an
diesem Wahlkampf und in diesem Wahljahr ist, dass es sehr viel weniger
unentschlossene Wähler gibt als das bisher der Fall war. Noch 1992 lag der
Anteil der unentschlossenen Wähler im Sommer vor dem Wahltag im November bei
über 60 Prozent. Heute beträgt der Anteil der unentschlossenen Wähler
bestenfalls noch 16 Prozent – wahrscheinlich eher weniger - , d.h. es geht bis
zum Wahltag am 2. November nur noch um relativ wenige Stimmen. Umso härter wird
der Kampf um diese Stimmen geführt werden.
Die Auseinandersetzung
um Krieg und Frieden im Wahlkampf vor dem Hintergrund des Irak-Krieges und der
Auseinandersetzung mit dem internationalen Terrorismus macht aus der Perspektive
der Demokraten durchaus Sinn. Würde sich John Kerry als Gegenkandidat von
George W. Bush vor allem als binnenorientierte Friedensalternative zu
profilieren versuchen, könnte sich der amtierende Präsident leicht als der
alleinige Garant von Sicherheit anbieten und darauf setzen, dass das
amerikanischen Volk dazu neigen würde, nicht mitten im Strom die Pferde zu
wechseln. Der Demokratische Gegenkandidat könnte dann leicht als
Sicherheitsrisiko porträtiert werden, falls sich die Situation im Irak nicht
stabilisieren ließe und der internationale Terrorismus weiterhin virulent
bliebe. Auf diese Grundstimmung zielte Präsident Bushs Aussage: “I am
a war President.“ John Kerry hofft, auf der Grundlage dieser
Strategie auch Wähler aus dem Republikanischen Lager auf seine Seite zu ziehen
und es ist durchaus angebracht, heute von Kerry-Republikanern zu
sprechen. Das beste Beispiel für dieses Phänomen war die Rede des Sohns von
Ronald Reagan, Ron Reagan, auf dem Parteitag der Demokraten in
Boston. Kerry umgab sich auch demonstrativ nicht nur mit seinen Kameraden
aus dem Vietnam-Krieg – die Einführungsrede für den Auftritt von John
Kerry hielt der Mann, dem John Kerry in Vietnam das Leben gerettet
hat – sondern auch mit zahlreichen hohen Offizieren und Generälen im Ruhestand,
darunter mehrere Offiziere, die sich zuvor der Republikanischen Partei zugehörig
fühlten. In der Republikanischen Partei unter Führung von George W. Bush
lässt der Zusammenhalt nach. Das Thema Stammzellenforschung könnte, wie Ron
Reagan ausführte, viele Republikaner auf die Seite von John Kerry
ziehen. Umgekehrt könnte John Kerry aber auch auf dem konservativen
Flügel der Demokraten Einbußen erleiden. Schon jetzt steht fest, dass der
ehemalige Gouverneur und amtierende Demokratische Senator des Staates Georgia,
Zell Miller, auf dem Parteitag der Republikaner sprechen und George W.
Bush unterstützen wird. Amerika steht in diesen Wahlen vor einem Machtkampf
besonderer Art: Es geht um eine relativ geringe Zahl von Unentschlossenen in der
Mitte, zugleich aber auch um einen intensiven Wettbewerb am linken Rand der
Republikaner und am rechten Rand der Demokraten. Und schließlich gibt es auch
die Kandidatur von Ralph Nader, der am linken Rand der Demokratischen
Partei Stimmen auf sich ziehen könnte. Ralph Nader wird jedoch mit
Sicherheit sehr viel weniger Stimmen bekommen als im Jahr 2000. Die Republikaner
tun alles, um Ralph Nader zu stärken, um sicherzustellen, dass die
Demokraten wied damals geschwächt werden, als Gore seine Wahlniederlage
de facto Ralph Nader zu verdanken hatte.
II. Risiken der Wahlkampfstrategie der Demokraten
Die direkte Herausforderung von Präsident
Bush auf der Grundlage von Führungsqualität und die Untermauerung des
eigenen Führungsanspruchs mit der heroischen Handlungsweise im Vietnamkrieg ist
nicht ohne Risiko für John Kerry und die Demokraten. Sicherlich legt
dieser Ansatz ganz offenkundige Schwächen – auch Charakterschwächen – von
Präsident Bush bloß, aber die Möglichkeiten eines amtierenden Präsidenten
Fakten zu setzen und Umstände herbeizuführen, um eine politische Alternative als
nicht opportun und risikoreich erscheinen zu lassen, sollten nicht unterschätzt
werden. Bob Dole hat diese schmerzhafte Erfahrung im Jahre 1996 machen
müssen in seiner Auseinandersetzung als heroischer Kriegsteilnehmer am zweiten
Weltkrieg mit einem amtierenden Präsidenten, der nicht in Vietnam gedient hat –
Bill Clinton. Ob der Wahlkampf des Jahres 2004 mit dem Vietnamwahlkampf
von 1968 vergleichbar ist, als Präsident Johnson schon vor der Wahl das
Handtuch hatte werfen müssen und Hubert Humphrey gegen Richard Nixon
verlor, ist sehr die Frage. Sicher gibt es viele Parallelen zwischen Vietnam
und Irak, mit der innenpolitischen Revolte gegen den Krieg in Vietnam im Jahre
1968 ist die heutige innenpolitische Lage in Amerika im Krieg gegen den Irak
aber nicht oder nur ganz eingeschränkt zu vergleichen. Zu fragen ist auch, wie
stark der Heroismus von John Kerry in Vietnam heute noch die jüngeren,
nicht mit Vietnam groß gewordenen Wähler anspricht und von der Führungsfähigkeit
des Kandidaten der Demokraten überzeugt. Sicher kann es Umstände geben,
anhaltende Bürgerkriegsbedingungen im Irak zum Beispiel oder auch amerikanische
Verluste in größerem Maße, die in dem zu erwartenden Referendum über die
Amtsführung von George W. Bush am 2. November zu einem Desaster für ihn
führen könnten. Eine hoffnungslos ungelöste Situation würde auch die
Wirtschaftspolitik als wahlentscheidendes Thema überschatten und sich
möglicherweise in einem Regierungswechsel niederschlagen.
Kann man
aber auf Demokratischer Seite auf diese äußeren Bedingungen für die
Wahlentscheidung setzen? Es könnte ja auch umgekehrt kommen, z.B. dadurch, dass
Osama bin Laden gefasst wird und die Lage im Irak sich zumindest so
beruhigt, dass die Rückwirkungen auf die amerikanische Innenpolitik gering
bleiben. Man sollte auf Demokratischer Seite auch den Erfolg im Irak – und
relativer Erfolg wäre ausreichend - nicht ganz ausschließen. Tatsache ist auch,
dass sich die Amerikanische Gesellschaft nicht wirklich im Krieg
sieht:
- Es gibt keine
Steuererhöhungen, sondern weiterhin Steuersenkungen von der
Bush-Administration.
- Der Krieg wird von einer
Berufsarmee geführt, nicht von einer Wehrpflichtarmee.
- Die Verluste
halten sich, gemessen an Vietnam mit 55000 Toten in Grenzen. Im Irak-Krieg
sind bisher weniger als 1000 amerikanische Menschenleben zu beklagen.
Bisher ist es John Kerry hervorragend
gelungen, die noch immer vorhandenen tiefen Gegensätze innerhalb der
Demokratischen Partei in der Irak-Frage zu überbrücken. Auch diese Gegensätze
könnten wieder aufbrechen, denn ein großer Teil der Partei – mit einiger
Sicherheit die große Mehrheit – würde sicher gerne einen möglichst schnellen
Rückzug Amerikas aus dem Sumpf des Irak sehen. So verständlich es aus der Sicht
der übergeordneten Wahlkampfstrategie von John Kerry auch ist, in der
Irak-Frage keine Fundamentalopposition zu betreiben, sondern bestenfalls eine
verbesserte Auflage der Politik von George W. Bush anzubieten, vor allem
angereichert mit einer starken Betonung von Multilateralismus und der Einbindung
der NATO Partner: Diese Position könnte auch Stimmen in den eigenen Reihen
kosten und diese würde sich vermutlich entweder als Unterstützung für Ralph
Nader oder Nichtbeteiligung an der Wahl niederschlagen.
Die
Republikanische Wahlkampfstrategie wird alles daran setzen, die vor allem am
Beispiel des Vietnamkrieges demonstrierten Führungsqualitäten von John
Kerry zu demontieren. Die ersten Schüsse aus der zweiten Reihe, aber auch
von Präsident Bush selber, sind schon gefallen. Kerrys
Vietnamerfahrung erstreckt sich – so führen Republikanische Strategen pointiert
aus – auf ganze vier Monate. In den sechzehn Jahren seit seiner
Senatszugehörigkeit habe man kaum etwas von ihm gehört. Ein wesentliches
Gesetzgebungswerk, das mit seinem Namen verbunden ist, gäbe es nicht. Die
Republikaner werden sich auch auf den aktiven Einsatz von John Kerry
gegen den Vietnamkrieg beziehen und hier Widersprüche aufzudecken versuchen. Man
muss sich deshalb – sollte der Wahlausgang knapp bleiben, wie die gegenwärtigen
Umfragen anzeigen – auf eine extrem negative, mit allen – auch schmutzigen –
Tricks geführte Auseinandersetzung gefasst machen. Karl Rove ist für
seine Rücksichtslosigkeit bei Auseinandersetzungen, von denen viel abhängt,
bekannt. John McCain, der George W. Bush in den Vorwahlen von New
Hampshire geschlagen hatte und auf dem besten Weg war, die Nominierung zu
gewinnen, kann ein Lied davon singen. Nichts, auch nicht die persönliche
Diffamierung und das Streuen böser Gerüchte, blieb McCain in der Folge
erspart – und er unterlag.
III. Die Ausgangslage in den Umfragen
In den Umfragen liegt John Kerry schon seit
geraumer Zeit entweder gleich auf mit Präsident Bush oder leicht in
Führung. Nach dem Parteitag der Demokraten in Boston hat Kerry den
Abstand zum Präsidenten leicht vergrößern können. Eine Washington Post/ABC
News Umfrage unmittelbar nach dem Parteitag in Boston ergab für John
Kerry eine Unterstützung von 50 Prozent der Wähler und für George W.
Bush 44 Prozent. Für Ralph Nader votierten 2 Prozent der
Stimmberechtigten. Unmittelbar vor dem Parteikonvent gelang es Präsident Bush
für kurze Zeit, in der Gunst der Wähler besser als John Kerry
abzuschneiden. Er erhielt die Unterstützung von 48 Prozent der Wähler gegenüber
46 Prozent für John Kerry. Im historischen Vergleich ist der zu
erwartende positive Pendelausschlag nach dem jeweiligen Parteikonvent von
Demokraten und Republikanern in Boston eher schwach ausgefallen. Wegen der hohen
Zahl der Wähler, die sich schon jetzt auf ihre Wahlentscheidung festgelegt
haben, kann John Kerry mit dem schwachen Pendelausschlag für ihn aber
durchaus zufrieden sein. Nur 4 Prozent der Wähler erklärten sich in der Umfrage
nach dem Parteitag der Demokraten als unentschieden. Der stabile Gleichstand
zwischen George W. Bush und John Kerry in den Umfragen ist
vermutlich ein Vorteil für John Kerry, denn man kann davon ausgehen, dass
die potentiellen Republikanischen Wähler sich schon zum größten Teil festgelegt
haben und John Kerry mit dem größeren Anteil der jetzt noch
unentschlossenen rechnen kann. Experten gehen davon aus, dass Kerry bis
zu zwei Drittel der Unentschlossenen für sich gewinnen
kann.
Wichtig für John Kerry ist, dass er in der
Kompetenzfrage gegenüber George W. Bush in allen Kategorien zugelegt hat
und jetzt in den Fragen
- “Wer ist besser als
Commander in Chief geeignet?“ mit 52%:44%,
- “Wer hat die bessere
Wirtschaftspolitik?“ mit 52%:41% und
- “Wer hat mehr Verständnis
für die Menschen?“ mit 51%:37%
in Führung liegt.
Präsident
Bush erhielt auch nach dem Parteitag der Demokraten in zweierlei Hinsicht
bessere Noten. In den Fragen:
- “Wem trauen Sie mehr in
der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus?“ und
- “Wer ist der stärkere
Führer?“
erhielt Präsident George W. Bush die besseren
Noten: 48%:45% in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus und 50%:44% in der
Führungsfrage.
IV. Die Rolle der Wirtschaft
Die Wirtschaftslage in Amerika könnte Kerry
durchaus helfen. Zwar kann Präsident Bush für sich in Anspruch nehmen,
dass die Rezession überwunden ist und die Wirtschaft wieder wächst. Aber
insgesamt kann man nur bedingt von einer wirklichen Erfolgsstory sprechen. Im
zweiten Quartal dieses Jahres hat sich das Wachstum wieder verlangsamt und liegt
bei 3 Prozent. Die Bush-Administration hatte mit 3,8 Prozent gerechnet.
Im ersten Quartal 2004 war noch ein Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent
vorhanden. Im Vergleich mit der Clinton-Administration schneidet die
Bush-Administration beim Wirtschaftswachstum deutlich schlechter ab. Die
letzten Clinton-Jahre waren mit einem deutlich höheren Wachstum
verbunden: 1997: 4,5 Prozent, 1998: 4,2 Prozent, 1999: 4,5 Prozent, und 2000:
3,7 Prozent. Seit Amtsantritt der Bush-Administration ergibt sich
folgendes Bild: 2001: 0,5 Prozent, 2002: 2,2 Prozent, und 2003: 3,1 Prozent. Ob
2004 das Wachstum übers Jahr gerechnet wieder bei 4 Prozent oder mehr liegen
wird, ist zweifelhaft. Die FED musste den Leitzins Ende Juni 2004 um einen
Viertelprozentpunkt hochschrauben. Der Druck auf die Kapitalmärkte nimmt
aufgrund des hohen Haushaltsdefizits zu. Für 2004 war mit einem Haushaltsdefizit
von über 500 Mrd. Dollar gerechnet worden. Die jetzigen Zahlen der
Bush-Administration weisen ein Haushaltsdefizit von 445 Mrd. Dollar aus.
Nach Einschätzung des IWF müsste die Bush-Administration dringend eine
Politik der Haushaltssanierung einleiten, um Investitionslücken zu vermeiden.
Kritisch wird vom IWF auch die Tatsache angemerkt, dass Social Security
und Medicare dramatisch unterfinanziert sind und ein Reformverzicht zum
gegenwärtigen Zeitpunkt eine schmerzhafte Anpassung in der Zukunft erzwingen
würde. Auch der Arbeitsmarkt zeigt trotz eines positiven Trends allgemein noch
immer Schwächen. Die Arbeitslosenrate liegt zur Zeit bei 5,6 Prozent und lässt
sich bei weiterhin schwachem Wachstum bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze kaum
reduzieren. Jährlich sind rund 140.000 Neuzugänge auf dem amerikanischen
Arbeitsmarkt zu verzeichnen. Mehr als 3 Millionen Arbeitsplätze sind im Zuge der
Rezession von 2000/2001/2002 verloren gegangen und nur 2 Millionen neue
Arbeitsplätze sind seitdem hinzugekommen. Dass Präsident Bush bis
November eine positive Bilanz auf dem Arbeitsmarkt vorweisen kann, ist
unwahrscheinlich. John Kerry hat deshalb in den industriellen battle
ground states (Ohio, Michigan, Pennsylvania) politisch Vorteile gegenüber
dem Amtsinhaber und versucht mit dem Thema Outsourcing, verkürzt als
Export amerikanischer Arbeitsplätze nach Übersee dargestellt, Wähler anzuziehen.
Steigende Energiepreise, höhere Hypothekenzinsen und Kürzungen in den Leistungen
der Programme der öffentlichen Hand (Polizei, Sicherheit, Militär, Erziehung und
Ausbildung usw.) bei gleichzeitig sinkendem Realeinkommen der abhängig
Beschäftigten könnten Kerry Stimmen zuführen. Kerry setzt in
seinem wirtschaftspolitischen Programm auf Anraten von Robert Rubin auf
eine solide Haushaltspolitik, die Konsolidierung der sozialen Sicherungssysteme
und die Reform der Krankenversicherung mit dem Ziel, die große Zahl von
Nicht-Versicherten (40 Millionen) zu reduzieren und den universellen Zugang zur
Krankenversicherung zu gewährleisten. Er will die Steuervergünstigungen für
einkommensstarke Haushalte (über 200.000 Dollar Jahreseinkommen) abbauen,
Subventionen von US-Unternehmen kürzen und den Regierungsapparat verkleinern.
Abstriche bei den Verteidigungsausgaben sind auch in einer
Kerry-Administration nicht vorgesehen.
V. Zusammenfassung
John
Kerry hat von den möglichen Kandidaten der Demokratischen Partei in diesem
Wahlkampf die besten Chancen, George W. Bush nicht nur in jeder Hinsicht
Paroli zu bieten, sondern auch zu gewinnen. In den Umfragen liegen beide
Kandidaten jedoch so dicht beieinander, dass eine sichere Wahlvorhersage
ausgeschlossen ist. Auch hängt das Wahlergebnis in ungewöhnlich hohem Ausmaß von
äußeren Faktoren ab, bedingt vor allem durch die instabile Lage im Irak und im
Kontext der Auseinandersetzung mit dem internationalen Terrorismus.
Hinzu kommt, eine jedenfalls zum Teil unsichere Wirtschaftslage,
die mit ihren Teilerfolgen bei Wachstum, Produktivitätszunahme und niedriger
Inflation fast ausschließlich dem besser verdienenden Amerika nützlich ist,
während Löhne und Gehälter stagnieren und höhere Hypothekenzinsen, höhere
Benzinpreise und Kürzungen von Ausgaben für Erziehung, Ausbildung und soziale
Leistungen den schlechter Verdienenden das Leben schwer machen. John Kerry
setzt in seiner Wahlkampfstrategie vor allem auf seine überlegene
Führungsfähigkeit, demonstriert an seinem heroischen Einsatz in Vietnam, auf
Integrität und auf eine solide Wirtschafts- und Haushaltspolitik. Präsident
Bush wird die ownership society in den Mittelpunkt seiner
Wahlkampfstrategie rücken und der großen Zahl von Aktienbesitzern – theoretisch
heute die Mehrheit der Amerikaner, wenn man davon absieht, dass der Aktienbesitz
außerordentlich ungleich verteilt ist – Zuversicht für eine gesicherte Zukunft
zu geben versuchen. Die Wirtschaft und ihre Manager stehen keineswegs
geschlossen hinter George W. Bush. Wall Street, die Investitionsbanken,
neue Technologien und die Umweltindustrie, insbesondere alternative Energien,
stehen zum großen Teil hinter Kerry. Die Entwicklung im Irak hängt jedoch
wie eine dunkle Wolke über den Wahlchancen von George W. Bush und könnte,
sollte sich die innenpolitische Lage doch bis Anfang November nicht ausreichend
stabilisieren lassen, auch die wirtschaftspolitischen Teilerfolge der
Bush-Administration überschatten und den Regierungswechsel erzwingen.
Nicht nur in den Umfragen, sondern auch in der Wahlkampffinanzierung gibt es
jetzt einen effektiven Gleichstand. Die demographische Entwicklung in Amerika
seit den letzten Wahlen wirkt sich positiver für Kerry aus. Kerry
hat bei den jüngeren Wählern, bei Frauen und bei ethnischen Minderheiten
Vorteile gegenüber George W. Bush. Die Demokraten haben die Republikaner
zeitweise sogar im Spendensammeln überflügelt und verfügen über eine ebenso
starke Kriegskasse wie die Republikaner. Beide Kandidaten sind nach den
jeweiligen Parteitagen auf den Einsatz von je 75 Millionen aus der öffentlichen
Wahlkampffinanzierung beschränkt. Davon profitiert vor allem George W.
Bush, denn sein Parteitag ist bewusst an das Ende des Monats August und
Anfang September gelegt worden, auch um damit den Jahrestag der Terroranschläge
in New York, wo der Parteitag der Republikaner stattfindet, ins Spiel zu
bringen. Während des Monats August kann George W. Bush also noch
Wahlkampfspenden zur Finanzierung der Wahlkampagne einsetzen, was Kerry,
da er seinen Parteitag hinter sich hat, nicht mehr erlaubt ist. George W.
Bush muss seine öffentlich finanzierten 75 Millionen erst ab September
einzusetzen. John Kerry muss schon jetzt darauf zurückgreifen. Diese
negative Lücke für Kerry muss mit anderen Mitteln ausgeglichen werden,
vor allem mit den Mitteln, über die die Demokratische Partei und politische
Organisationen im Umfeld der Demokraten verfügen. Aber auch auf diesem Feld
besteht heute Waffengleichheit und die Demokraten sind auf die kommende
Auseinandersetzung gut vorbereitet.
In erheblichem Umfang werden
die amerikanischen Wahlen ein Referendum über die Amtsführung von George W.
Bush sein und das Ergebnis hängt in ganz entscheidendem Maße – von der
Manipulation mit Terrorwarnungen und anderen künstlich erzeugten Drohungen
einmal abgesehen - von Ereignissen ab, die sich seiner Kontrolle entziehen, im
Positiven wie auch im Negativen.
Washington, 6. August 2004
(Dieter Dettke)
Dokumente:
Rede von John Kerry vom
29.07.2004:
http://www.johnkerry.com/pressroom/speeches/spc_2004_0729.html
Rede
von Bill Clinton vom 26.07.2004:
http://www.dems2004.org/site/apps/nl/content3.asp?c=luI2LaPYG&b=131063&ct=15
8734
Parteiprogramm
der Demokraten 2004:
http://www.dems2004.org/site/pp.asp?c=luI2LaPYG&b=97933