Verantwortlich: Dr. Dieter Dettke,

Redaktion: Stefanie Nesmith

A m e r i c a   A l e r t
Informationsservice des Washingtoner Büros der FES

Ausgabe 15/2004 ­ 3. September 2004

Die Bush Agenda für eine mögliche zweite Amtszeit: Rückkehr zum Compassionate Conservatism




I.

Wie zu erwarten, hat George W. Bush seine Rede zur Annahme der Kandidatur für eine zweite Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten in einem eher moderaten Ton gehalten und voll gepackt mit Ankündigungen und Initiativen für die nächsten vier Jahre. Die Angriffe auf John Kerry haben in den vergangenen vier Tagen andere für ihn besorgt, vor allem Vizepräsident Dick Cheney und Zell Miller, der abtrünnige Demokrat, ein ehemaliger Gouverneur und jetzt Senator aus Georgia. George W. Bush beschränkte sich mit seinen Attacken auf seinen Mitbewerber auf das Amt des Präsidenten im Wesentlichen auf drei Punkte:
Die Brutalität der Angriffe auf John Kerry von Republikanischer Seite, nicht nur von maßgeblichen Repräsentanten der Partei, sondern auch von Institutionen, die der Partei und der Wahlkampforganisation nahe stehen, ist nicht ohne Wirkung geblieben, hat aber durchaus auch negative Rückwirkungen gehabt und Mobilisierungseffekte im Demokratischen Lager ausgelöst.
 
Schon eine Stunde nach dem Auftritt von George W. Bush im Madison Square Garden trat John Kerry in Ohio in einer Wahlkampfveranstaltung der Demokraten auf und stellte dem Republikanischen Angriff auf seinen Kriegsdienst in Vietnam die Drückebergerei von George W. Bush und Dick Cheney gegenüber. Der Schlagabtausch wird sicher härter werden. Vor allem nimmt die Geschwindigkeit, mit der beide Kandidaten auf die jeweiligen Aussagen über einander reagieren, dramatisch zu. Kerry hat aus der Erfahrung mit den Angriffen der Swift Boat Veterans for Truth auf seine Soldatenehre, die Tage, ja sogar Wochen unbeantwortet blieben und trotz ihres negativen Charakters Wirkung erzeugten, gelernt. Als neuen Sprecher für seine Wahlkampforganisation heuerte er einen erfahrenen Kommunikationsspezialisten der Clinton-Administration an: Joe Lockart.
 
Die Swift Boat Veterans for Truth, Moveon.org und viele andere, nach Paragraph 527 des amerikanischen Einkommensteuergesetzes steuerbegünstigte Institutionen, können politische Werbung betreiben, solange diese Werbung nicht unmittelbar mit der jeweiligen Wahlkampforganisation koordiniert ist. Diese de facto als Neben- und Ersatzparteien agierenden Wahlkampforganisationen neuen Typs sind durchaus in der Lage, die Dynamik des Wahlkampfes entscheidend zu beeinflussen und in seiner Richtung zu verändern. Sie eignen sich zum Beispiel hervorragend für Angriffe aus der zweiten Reihe und zur Neutralisierung von zentralen Themen. Was immer die Opposition zur zentralen Wahlkampfthematik machen möchte, dem Amtsinhaber und der Mehrheit im Kongress aber Schwierigkeiten machen könnte ­ und umgekehrt ­ lässt sich durch die neuen, durch Paragraph 527 steuerlich begünstigten Organisationen, recht wirksam beeinflussen, ablenken oder sogar unterbinden. Die Folge dieser Entwicklung: Es wird wohl im Wahlkampf immer weniger um zentrale Themen gehen. Gekämpft wird auf Nebenkriegsschauplätzen, um kurzfristig Punkte zu sammeln. Droht eine Diskussion über zentrale Themen wie z. B. dann können die neuen parteinahen Organisationen, zum Teil mit erheblichen Mitteln ausgestattet, vom Thema ablenken, und eine Sachdebatte in eine Personaldebatte umlenken.

 

II.


Die Rückkehr von George W. Bush zu einem compassionate conservatism für die heiße Phase des Wahlkampfs ist kein Zufall. In der Realität war von der Botschaft des compassionate conservatism am Ende der ersten Amtszeit von George W. Bush nicht viel übrig geblieben.

Jetzt kündigte der Präsident mehr als ein Dutzend neuer Initiativen an, darunter und dies alles in Verbindung mit der Forderung, die Steuererleichterungen von 2001 permanent zu machen. Das Haushaltsdefizit von George W. Bush, der von Bill Clinton einen Überschuss von über 200. Mrd. übernommen hatte, ist jetzt bei 445 Mrd. Dollar angelangt, gut 5 Prozent des Bruttosozialprodukts und zwar nicht nur vorübergehend, sondern aller Voraussicht nach permanent. Der Haushaltsspielraum ist also eingeschränkt und niemand vermag zu sagen, wie die angekündigten Initiativen in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Haushaltslage finanziert werden können. Aufgrund der jetzigen Wirtschaftslage besteht auch wenig Hoffnung, dass sich der Haushaltsspielraum in der voraussehbaren Zukunft drastisch verbessern kann. Im Monat August ist das Wirtschaftswachstum unter 3 Prozent geblieben. Im Juli wurden nur 73.000 neue Arbeitsplätze geschaffen (die Zahl wurde jetzt von ursprünglich nur 32.000 auf 73.000 angepasst). Im August entstanden zwar 140.000 neue Arbeitsplätze, aber diese Zahl reicht gerade aus, um die Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt im Monat August abzudecken. 2.2 Millionen Arbeitsplätze gingen durch die Rezession und eine langsame Erholung in der Zeit von Ende 2000 bis Mitte 2003 verloren. Von August 2003 bis heute sind 1.2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen worden, ein Nettoverlust von 1 Millionen Arbeitsplätzen. Diese Daten und die Tatsache, dass die Mehrheit der Amerikaner glaubt, dass Amerika sich in die falsche Richtung entwickelt, lassen den wirtschaftlichen Optimismus der Bush-Administration hohl erscheinen.
 
Die Umfragen kurz vor dem Parteitag lassen jedoch eine positive Entwicklung für George W. Bush erkennen. Er führt jetzt in der Sonntagsfrage vor John Kerry. Auch für ihn ist nach dem Parteitag eine leichte Steigerung zu erwarten. George W. Bush führt vor allem aufgrund des größeren Zutrauens der amerikanischen Bevölkerung in seine Fähigkeiten im Umgang mit dem Terrorismus. Die wirtschaftliche Lage und die Lage im Irak sind jedoch Belastungs- und Unsicherheitsfaktoren für die Bush-Administration.

Wie auch schon im Jahr 2000 könnten die Fernsehdebatten der beiden Kandidaten zu einer entscheidenden Hürde für den Wahlausgang werden. Damals scheiterte Al Gore an dieser Hürde aufgrund zu hoher Vorschußlorbeeren und Erwartungen. John Kerry gilt als ausgesprochen Debatten-freudig und ­erfahren. Dass er wie Al Gore an George W. Bush scheitern wird, ist jedoch nicht zu erwarten. Es wird also spannend bleiben, bis zum letzten Moment.


 
Washington, 3. September 2004 (Dieter Dettke)


Dokumente:

Rede von George W. Bush vom 2. September 2004:

http://www.heraldsun.news.com.au/printpage/0,5481,10657069,00.html