Verantwortlich: Dr. Dieter Dettke,
Redaktion: Stefanie Nesmith
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Informationsservice
des Washingtoner Büros der FES
Ausgabe 16/2004 – 18. Oktober 2004
Die Politische Mitte Amerikas:
Im Wahlkampf
verloren gegangen
Polarisierung ist
das beherrschende Stichwort dieser Präsidentschaftswahlen und wenn John
Kerry es am 2. November nicht schafft Präsident zu werden, wird Amerika für
weitere vier Jahre auf der Grundlage einer politischen Agenda regiert, die sich
nicht auf die politische Mitte stützt. Wahlplattform und Programmatik der
Republikanischen Partei von heute spiegeln die ideologischen Werte und Ziele
einer sicherlich bequem lebenden Mittel- und Oberschicht in Amerika wider, geben
aber keine Antwort auf die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, vor
denen Amerika heute als Gesellschaft steht:
- Die Finanzierung
der vorhandenen, aber strukturschwachen sozialen Sicherungssysteme, vor
allem Social Security, Medicare und Medicaid.
- Der Zugang zu einer
angemessenen Krankenversicherung von rund 47 Mio.
Amerikanerinnen und Amerikanern, für die rein kommerzielle
Versicherungsangebote unerschwinglich sind und ihnen
auch
den Zugang zum Arbeitsmarkt versperren, denn als Medicare - oder
Medicaid Empfänger hat man Anspruch auf medizinische Versorgung. Gehört man
jedoch zu den so genannten working poor, und deren Zahl nimmt wieder
zu, reicht das Einkommen nicht für die Krankenversicherung.
- Die Erneuerung der
amerikanischen Infrastruktur: Schienen, Verkehrssysteme, Brücken,
Schulen, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Informationsnetze, usw. In
der Hauptstadt Amerikas, in Washington DC zum Beispiel, sind die
Wasserleitungen so alt, dass immunschwache Personen davor gewarnt
werden müssen, Leitungswasser zu trinken.
- Die Reduzierung der
staatlichen Verschuldung auf eine Größenordnung, die die staatliche
Handlungsfähigkeit wieder herstellt.
- Die Verringerung der
wachsenden Einkommensunterschiede.
Das
Leitziel der “Eigentümer-Gesellschaft“ (ownership society) ist
verführerisch, täuscht aber über harte Realitäten hinweg,
nämlich:
- dass in Amerika
Hausbesitz nicht identisch mit einem gesicherten Lebensstandard ist;
- dass die
Privatisierung vor allem der Alterssicherung genau wieder jene soziale
Unsicherheit herbeiführen kann, die man mit der Einführung entsprechender
Programme in Europa und in Amerika verhindern wollte;
- dass der Aktienbesitz
in Amerika zwar weit gestreut ist, so dass heute die Mehrheit der
Amerikaner am Aktienmarkt beteiligt ist, die breite Streuung aber keineswegs
soziale Sicherheit und schon gar nicht soziale Gerechtigkeit
widerspiegelt. Die Verteilung das Aktienbesitzes ist ungleich.
Im Wahlkampf werden die
harten Realitäten der Gegenwart mit der Methode überspielt, diese durch
zukünftige Realitäten zu ersetzen, d.h. durch Visionen auf deren Verwirklichung
die jetzige Administration aufgrund ihrer eigenen Philosophie eigentlich gar
keinen Einfluss hat. Ganz ähnlich strukturiert ist auch die
Argumentationskette im Falle des Irak-Krieges. Die Wirklichkeit ist, dass
der Irak nach dem offiziellen Ende der
Kampfhandlungen
- noch immer mit hohen
Opfern sowohl auf irakischer Seite als auch auf amerikanischer Seite verbunden
ist;
- möglicherweise auf einen
Bürgerkrieg zusteuert;
- dass sich der zivile
Wiederaufbau aufgrund mangelnder innerer Sicherheit verzögert und
- damit auch die geplante
Durchführung von Wahlen und somit den Aufbau der Demokratie im Irak unmöglich
macht.
Trotzdem argumentiert
Präsident Bush demgegenüber mit seiner eigenen zukünftigen Realität: ein
demokratischer Irak auf der Grundlage von demokratischen Wahlen und damit
verbunden die baldige Beendigung der amerikanischen Mission dort. Sie wird dann
erfüllt sein, wenn der Irak auf eigenen (demokratischen) Beinen
steht.
John Kerry muss in einer solchen Debatte zwangsläufig
die Rolle des kritischen Realisten einnehmen und den positiven zukünftigen
Realitäten der Bush-Administration die negativen Realitäten der Gegenwart
entgegenstellen. Ihm bleibt dabei, wie die drei Fernsehduelle gezeigt haben,
trotz seiner politisch und intellektuell überlegenen Argumentation wenig Raum
für den Entwurf seiner eigenen Vorstellungen für die Zukunft.
Die New
York Times, der Boston Globe, der Miami Harald und andere liberale Zeitungen das
Landes haben sich jetzt im Vorfeld der Wahlen für John Kerry
ausgesprochen. Die meisten dieser Zeitungen haben im Jahr 2000 auch Al
Gore ihr endorsement gegeben. Die entscheidende Frage wird sein, wie
sich das Wahlverhalten im ländlichen Amerika, im Süden und im mittleren Westen,
wo George W. Bush seine politische und soziale Verankerung insbesondere
bei den evangelikalen Christen und der Christian Coalition gefunden hat,
unter den Bedingungen eines fortgesetzten Krieges im Irak, zukünftiger
wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen und einer tiefen politisch –
ideologischen Polarisierung im Lande entwickeln wird.
Die Polarisierung
der amerikanischen Gesellschaft während der ersten Amtszeit der
Bush-Administration hat auch zur Folge, dass die Wahlbeteiligung am 2.
November um einige Prozentpunkte höher sein wird, als das in der Vergangenheit
der Fall war. Eine über 60%ige Wahlbeteiligung in Amerika hat es zuletzt 1960
gegeben als John F. Kennedy als junger Senator des Staates Massachusetts
und als Katholik gegen den Vizepräsidenten aus der Eisenhower-Ära,
Richard Nixon, antrat und nicht zuletzt wegen seines überlegenen
Auftretens in der Fernsehdebatte der beiden Kandidaten die Wahlen gewann. Als
Katholik musste Kennedy damals gegen weit verbreitete Vorurteile und
Befürchtungen, dass der Vatikan Einfluss auf die Politik des Weißen Hauses
erhält, ankämpfen. Kennedy gewann die Wahlen mit seiner Anziehungskraft
als Vertreter einer neuen Generation und mit einem Appell an die tolerante Mitte
Amerikas.
John F. Kennedy ist das politische Vorbild von
John Kerry. Wie auch er Katholik und Senator aus Massachusetts, versucht
er nun unter den Bedingungen einer zunehmenden Polarisierung die politische
Mitte für die Demokraten zu mobilisieren:
- durch sein Eintreten für
eine Reform der Krankenversicherung;
- durch eine Öffnung für
das Zukunftspotential der Stammzellenforschung und
- durch einen Kurs
finanzpolitischer Solidität.
Die katholischen Wähler Amerikas werden heute eine
Schlüsselrolle in der Wahlentscheidung haben. Anders als damals bei der
Auseinandersetzung zwischen Kennedy und Nixon, als der Faktor
Religion durch das Problem der Einflussnahme des Vatikans auf die amerikanische
Politik bestimmt war, stehen heute für katholische Wähler in Amerika – und ihre
Zahl hat nicht zuletzt durch die starke Zuwanderung aus Latein- und
Zentralamerika zugenommen – ethisch-religiöse Fragen im Vordergrund, wie sie in
der Debatte über die Abtreibung, die Stammzellenforschung und die
gleichgeschlechtliche Ehe zum Ausdruck kommen. An diesen Fragen unterscheidet
sich heute, was politisch als liberal oder konservativ, modern oder traditionell
und links oder rechts gilt. Anders als in den 60er Jahren sind die
katholischen Wähler aber heute nicht automatisch im Demokratischen politischen
Lager Amerikas verankert. In vielen religiös geprägten Wertefragen stehen
konservative evangelikale Christen auch an der Seite des offiziellen
amerikanischen Katholizismus.
Der relativ klare Sieg John Kerrys
in den drei Fernsehduellen hat mit einiger Sicherheit dazu beigetragen,
traditionelle Wähler der Mitte an die demokratische Partei zu binden. Die
jeweiligen Umfragen nach den Debatten haben jedenfalls dazu beigetragen, ein
Rennen, das für viele schon gelaufen war, wieder auszugleichen und zu einem
echten Kopf an Kopf Rennen zu gestalten. Viele befürchten sogar, dass es wieder
zu einem ähnlichen Debakel wie im Jahre 2000 in Florida kommen könnte.
Auszählungsprobleme in mehreren Einzelstaaten aufgrund knapper Wahlergebnisse,
damit verbundene Neuauszählungen, möglicherweise entscheidende Briefwahlstimmen,
die erst spät eintreffen und simple technische Pannen bei der elektronischen
Stimmenzählung können, ähnlich wie im Jahre 2000, eine klare Wahlentscheidung
vereiteln.
Beide Parteien haben ganze Armeen von Rechtsanwälten
eingestellt, um besser als im Jahr 2000 auf Wahlanfechtungen vorbereitet zu
sein. Schon im Vorfeld der Wahlen hat sich nämlich herausgestellt, dass manche
Einzelstaaten rein physisch nicht in der Lage waren, die zahlreichen
Neuanmeldungen zur Wahl bürokratisch zu bewältigen. Auch ist es schon dabei zu
Unregelmäßigkeiten gekommen, z.B. dadurch, dass in Einzelfällen Wahlanmeldungen
strategisch vernichtet wurden, um – so geschehen in Ohio – demokratischen
Wählern die Teilnahme an der Wahl unmöglich zu machen. Ohio ist ein
Schlüsselstaat unter den etwa 10 bis 14 verbliebenen wirklichen battleground
states. Andere wichtige und noch verbliebene battleground states
sind: Iowa, Florida, Michigan, Wisconsin, New Mexico, West Virginia, Colorado,
Main, Minnesota, Nevada, New Hampshire, Oregon und Pennsylvania.
Allein in Ohio sind seit den Wahlen von 2000 rund 700.000 neue
Wähler hinzugekommen.
Die Erstwähler sind in dieser Wahl durchaus
eine Unbekannte. Niemand weiß genau, wie das Wahlverhalten bei denjenigen ist,
die durch Alter oder ein neu gewecktes politisches Interesse abstimmen werden.
Experten vermuten, dass John Kerry sich hier mehr versprechen kann als
George W. Bush, denn zu vermuten ist, dass diejenigen, die den
amtierenden Präsidenten wieder wählen wollen, ihre Wahlentscheidung schon lange
vorher getroffen haben, also bereits festgelegt sind. Jetzt noch neu
hinzukommende oder noch unentschiedene Wähler dürften mehrheitlich wohl eher zum
demokratischen Kandidaten tendieren.
Die Demokraten können sich
also Hoffnung auf ein gutes Abschneiden und vielleicht sogar auf einen
politischen Wechsel machen. Ob es dazu kommt, wird sich am Wahltag
zeigen.
Washington, 18. Oktober 2004 (Dieter
Dettke)
Dokumente:
Artikel der New York Times von Sonntag, 17.
Oktober 2004: “John Kerry for President”
http://www.nytimes.com/2004/10/17/opinion/17sun1.html?oref=login