Verantwortlich: Dr. Dieter Dettke,
Redaktion: Stefanie Nesmith
A m e r i c
a A l e r
t
Informationsservice
des Washingtoner Büros der FES
Ausgabe 17/2004 – 8. November 2004
US-Wahlanalyse
Eine sichere Macht- und Legitimationsgrundlage für die zweite
Bush-Administration - aber die Frage ist, wie George W. Bush sein Mandat vom 2.
November wahrnehmen wird
I. Das Wahlergebnis vom 2. November: Ein Mandat für George W.
Bush
Präsident Bush hat
am 2. November 51 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten. Auf John
Kerry entfielen 48 Prozent der Stimmen, der Rest auf alle übrigen Kandidaten
deren Stimmenanteil unter 1 Prozent lag, darunter Ralph Nader. Das Urteil
der amerikanischen Wähler zur Kandidatur von Nader ist hart. Er wollte es
so und erhielt die Quittung für seinen Starrsinn. Insgesamt 120,2 Millionen
Menschen gingen zur Wahl. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von 59,6 Prozent,
für amerikanische Verhältnisse eine Rekord-Wahlbeteiligung. Im Electoral
College entfielen von den insgesamt 538 Stimmen 286 Stimmen auf George W.
Bush, 252 Stimmen auf John Kerry. Man kann dieses Wahlergebnis als
einen überwältigenden Wahlsieg für George W. Bush feiern und die
Republikanische Partei tut dies auch. George W. Bush ist mit der höchsten
Zahl von Stimmen gewählt worden, die je ein amerikanischer Präsident erhalten
hat. Bei den Wahlen im Jahr 2000 erhielt Al Gore eine Mehrheit der
abgegebenen Stimmen, unterlag aber bei der entscheidenden Stimmenauszählung im
Electoral College, nachdem der US Supreme Court die Wahlmännerstimmen von
Florida durch eine gerichtliche Entscheidung dem Kandidaten George W.
Bush zugesprochen hatte. Mit dem Legitimationsmangel von 2000 ist das
Wahlergebnis vom 2. November 2004 nicht belastet.
Als nicht
stichhaltig haben sich die Befürchtungen erwiesen, es könnte bei dieser Wahl wie
damals in Florida im Jahre 2000 wieder zu Unregelmäßigkeiten bei der
Stimmenauszählung und anderen massiven Wahlrechtsverletzungen kommen. In Florida
ging es im Jahr 2000 ja nicht nur um das Versagen der Wahlmaschinen mit
Wahlergebnis verändernden Konsequenzen, sondern auch um massive Versuche,
schwarze Wähler von der Wahrnehmung ihres Wahlrechts abzuhalten. Aufgrund dieser
Erfahrung haben beide Parteien diesmal ein Heer von Wahlbeobachtern und
Rechtsanwälten in allen battleground states, d.h. dort wo knappe
Wahlausgänge zu erwarten waren, zum Einsatz gebracht, besonders intensiv in
Florida, aber auch in Ohio. Ein neues Debakel nach dem Muster von Florida 2000
hat es nicht gegeben. Am Ergebnis der Wahlen des Jahres 2004 lässt sich nicht
rütteln. Wohl aber kam es auch diesmal zu Fehlern bei der Auszählung. Abgegebene
Stimmen gingen verloren, wurden falsch gezählt und es kam zur Ausgabe von
Wahlunterlagen, die falsch adressiert waren oder sogar fehlerhafte Angaben über
die zur Wahl stehenden Kandidaten enthielten. In einem Fall fehlte der Name von
John Kerry. In einem anderen Fall stand in Pennsylvania der Name Ralph
Nader auf der Wahlliste, der aber in Wirklichkeit gar nicht zugelassen war.
Das Ergebnis dieser Wahlen ist nach Lesart der Demokraten knapper
als das in der Zahl der abgegebenen Stimmen zum Ausdruck kommt. George
W. Bush erhielt zwar insgesamt 3.5 Millionen Stimmen mehr als John
Kerry, aber in Ohio, wo das Wahlergebnis noch in der Wahlnacht sehr
umstritten war, betrug der Vorsprung von George W. Bush lediglich 136.000
Stimmen. Hätte sich John Kerry hier durchsetzen und ein besseres
Wahlergebnis als George W. Bush erzielen können, wäre er Präsident
geworden, mit der entscheidenden Mehrheit der Stimmen im Electoral
College, obwohl auf ihn mit 48 Prozent weniger der insgesamt abgegebenen
Stimmen entfielen als auf George W. Bush mit 51 Prozent. Das
amerikanische Wahlsystem macht solche Ergebnisse möglich. Im Jahr 2000
profitierte George W. Bush von diesem System und Al Gore unterlag.
Die Scharte von damals hat George W. Bush nun ausgewetzt.
Er ist nicht nur der legal gewählte Präsident der Vereinigten Staaten, sondern
auch mit der vollen Legitimität ausgestattet, die für das Präsidentenamt auf der
Grundlage der amerikanischen Verfassung erforderlich ist.
II. Gründe für den Wahlsieg der Republikaner
Was diese Wahlen mehr als alles andere entschieden
hat, war eine Wahlkampfstrategie, die trotz erheblicher objektiver
Schwierigkeiten
- ein nicht abgeschlossener
Krieg im Irak mit ungewissem Ausgang;
- eine mit erheblichen
Problemen auf dem Arbeitsmarkt und im Außenhandel belastete
Volkswirtschaft;
- steigende
Budgetdefizite mit negativen Rückwirkungen auf politische
Handlungsfähigkeit, z.B. auf dem Gebiet der Erziehung und Ausbildung, der
Krankenversicherung und anderen Gebieten;
die Republikanische Parteibasis
optimal mobilisiert hat: durch eine Transformation der Wahlentscheidung von
einem Referendum über die Ergebnisse und Erfolge – und der Misserfolge – der
letzten vier Jahre in eine Entscheidung über politische und moralische
Werte und politische Führungsfähigkeit unter den Bedingungen der
Bedrohung Amerikas durch den Terrorismus. “It’s terrorism all the
time“ war die Leitidee von Karl Rove, dem Wahlkampfstrategen von
George W. Bush, und er und sein Team haben für diesen Wahlkampf Geld und
Personal in einem Umfang zum Einsatz bringen können, wie das bisher noch nie in
der Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe möglich war.
Alleine von
den Kandidaten für das Präsidentenamt sowie für den Kongress wurden 1.8
Milliarden Dollar ausgegeben. Eine weitere Milliarde Dollar wurden von den
beiden großen Parteien für den Wahlkampf ausgegeben. Nicht mitgezählt sind dabei
die Ausgaben den Nebenorganisationen, die auf der Grundlage von §527
Einkommensteuergesetz oder §501 C3 Einkommensteuergesetz ebenfalls Mittel in
Höhe von ca. 450 Millionen Dollar in den Wahlkampf eingebracht und Personal in
Form von Millionen von Helfern zur Verfügung gestellt haben. Allein der
Dachverband der amerikanischen Gewerkschaften (AFL-CIO) und seine
Einzelgewerkschaften brachten 150 Millionen Dollar für Zwecke der
Wählermobilisierung auf. Insgesamt wurden von beiden Parteien einschließlich
partei-unabhängiger Organisationen schätzungsweise 4 Milliarden Dollar
für den Wahlkampf ausgegeben. Diese Zahl schließt nicht nur die
Präsidentschaftswahlen ein, sondern auch die Kongresswahlen, d.h. das gesamte
Repräsentantenhaus und der Senat zu einem Drittel, die Gouverneurswahlen, die
Wahlen zu den Landesparlamenten und anderen Wahlämtern.
Als
entscheidend beim Wahlausgang erwies sich die Fähigkeit der Republikanischen
Partei im so genannten ground war, die Wertewähler für sich zu
gewinnen, d.h. die insgesamt etwa 22 Prozent der Wähler, die politisch, sozial
und religiös als konservativ einzustufen sind, überwiegend Kirchgänger,
Protestanten, wie auch Katholiken. Wertewähler sprachen stärker auf
Themen wie Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe, Stammzellenforschung usw. an.
In vielen Einzelstaaten standen Volksentscheide über ein Verbot der
gleichgeschlechtlichen Ehe an. In Arkansas, Georgia, Kentucky, Michigan,
Mississippi, Montana, North Dakota, Ohio, Oklahoma, Oregon und Utah erhielten
diese Volksentscheide deutliche Mehrheiten.
Unter den
Evangelikalen Christen hatte die Republikanische Partei schon in der
Vergangenheit einen gewaltigen Vorsprung vor der Demokratischen Partei. Zwischen
der Christian Coalition und der Republikanischen Partei besteht eine
relativ fest gefügte politische Allianz und in vielen Einzelstaaten verfügen die
Evangelikalen Christen über eine Mehrheit in der Republikanischen Partei
und ihren örtlichen Organisationen. Die Mobilisierungsmöglichkeiten der
Republikaner aufgrund der Vernetzung mit dem ländlichen und religiös geprägten
Amerika sind gewaltig. George W. Bush kennt sich in diesem Milieu
besonders gut aus, da er im Wahlkampf 1992 für seinen Vater für die Verbindung
zur Christian Coalition und den Kirchen verantwortlich war. Damals ging
die Wahl für den Vater von George W. Bush verloren. Im Jahr 2000 und noch
stärker im Jahre 2004 konnte sich George W. Bush seine Verbindungen zu
den Kirchen auch mit Hilfe von Karl Rove erfolgreich zu Nutze machen. 8
von 10 Wertewählern stimmten 2004 für George W. Bush. Starke Einbrüche
sind den Republikanern auch bei den katholischen Wählern gelungen, die
traditionell eher der Demokratischen Partei zuneigten. Themen wie Abtreibung,
gleichgeschlechtliche Ehe und Stammzellenforschung drängen katholischen Wähler
an die Seite der Republikaner. Die Demokraten haben hier eher Mühe, sich zu
behaupten. Die katholische Wählerschaft in Amerika ist gespalten: nur noch die
Hälfte unterstützt die Demokratische Partei. Diese Tatsache ist vor allem im
Hinblick auf den zunehmenden Einfluss der Latinos auf die amerikanische Politik
wichtig. Bei den Latinos verfügen die Demokraten noch immer über eine deutliche
Mehrheit von 55:45 Prozent. Aber es zeichnet sich ein zunehmender Einfluss der
Republikaner auch bei den Latinos ab. Je mehr Latinos in die Mittelklasse
aufrücken, desto eher werden sie für Republikanische Politikangebote
empfänglich.
III. Macht und Mandat von George W. Bush
George W. Bush ist nun in seiner
innenpolitischen Machtposition unangefochten wie kaum ein anderer Präsident in
der jüngsten amerikanischen Geschichte. Er verfügt jetzt in beiden Häusern des
Kongresses über relativ breite Mehrheiten. Im Repräsentantenhaus gewannen die
Republikaner vier Sitze hinzu und verfügen nun über eine Mehrheit von 233 zu 201
Sitzen. Ein Sitz verbleibt bei dem unabhängigen Bernie Sanders, ein
aufrechter Linker aus Vermont, der als Sozialist nicht dem Demokratischen Caucus
angehören kann.
Im Senat gewannen die Republikaner ebenfalls vier
Sitze hinzu und verfügen jetzt über eine solide Mehrheit von 55 zu 45 Sitzen.
Die innenpolitischen Voraussetzungen für eine Durchsetzung der Republikanischen
politischen Agenda sind verbessert worden, aber von einer absoluten politischen
Handlungs – und Gestaltungsmöglichkeit kann nicht die Rede sein. Dafür ist das
amerikanische Regierungssystem viel zu komplex, zu pluralistisch und der
Einfluss der öffentlichen Meinung zu stark. Und noch wichtiger: Beschränkungen
der Republikanischen Macht und Handlungsfähigkeit ergeben sich aus dem engen
wirtschaftlichen und finanziellen Handlungsspielraum, in dem heute
Regierungshandeln in Amerika allein möglich ist:
- ein Budgetdefizit
von 414 Milliarden Dollar,
- ein
Handelsbilanzdefizit von 590 Milliarden Dollar,
- eine öffentliche
Gesamtverschuldung von 7,4 Billionen Dollar.
Mit
einem Zahlungsbilanzdefizit von mehr als 600 Milliarden Dollar in diesem Jahr,
d.h. rund 5,5 Prozent des Bruttosozialprodukts (GDP), hängt Amerika in hohem
Maße von den Entscheidungen anderer ab, insbesondere von den Ländern in Asien,
die in den vergangenen Jahren hohe Dollarguthaben erworben haben: China, Japan,
Taiwan, u.a.
Präsident Bush hat wie auch John Kerry eine
Absenkung des Budgetdefizits auf die Hälfte innerhalb der nächsten vier Jahre
versprochen und zu einem zentralen politischen Ziel seiner Administration
erklärt. Damit wird nicht nur wenig Raum für weitere Steuersenkungen gelassen.
Es wird auch schwer sein, die Finanzierung für eine Reform von Social
Security sicherzustellen, die sich bei einer Teilprivatisierung auf über 100
Milliarden Dollar im Jahre 2005 belaufen würde und bis zum Jahre 2009 auf 146
Milliarden Dollar jährlich ansteigen müsste. Hinzu kommen die bisher noch nicht
detailliert ausgewiesenen Kosten des Krieges im Irak und des weiterhin
erforderlichen Militäreinsatzes in Afghanistan. Zu erwarten ist, dass das
Pentagon schon in Kürze weitere 70 Milliarden Dollar anfordern wird, um das
amerikanische Engagement im Irak und in Afghanistan zu finanzieren. Alles in
allem wird der Irak-Krieg alleine wohl mehr als 200 Milliarden Dollar
verschlingen.
IV. Die Folgen des Wahlergebnisses für die Demokraten
Für die Demokratische Partei wird die erneute
Niederlage in einer Wahlkampfauseinandersetzung unter relativ günstigen
Ausgangsbedingungen schwer zu verkraften sein. Die Geschlossenheit, mit der sie
sich hinter ihren Kandidaten John Kerry gestellt hat, wird sicher nicht
lange anhalten. Die Wahlen im Jahre 2008 werfen bereits ihre Schatten voraus.
Bis dahin wird die Partei aber de facto ohne zentrale Führung überleben müssen.
Der bisher wichtigste Gegenspieler des Präsidenten, der Minderheitsführer im
Senat, Tom Daschle, hat in der Auseinandersetzung um den Senatssitz von
South Dakota eine bittere Niederlage einstecken müssen. Trotz – oder besser
wegen – seiner langen Tätigkeit an führender Stelle in Washington verlor Tom
Daschle in einer gewaltigen Anzeigenschlacht in einem ländlichen und
agrarisch geprägten Staat gegen seinen Republikanischen Konkurrenten John
Thune.
Nancy Pelosi, Minderheitsführerin im
Repräsentantenhaus und der neu zu wählende Minderheitsführer im Senat – mit
einiger Sicherheit Harry Reid aus Nevada – müssen sich noch als Team
einspielen und versuchen, ein Gegengewicht zur Republikanischen Dominanz zu
bilden. Schon in Kürze wird dann der Kampf um die Nominierung für die
Präsidentschaftswahlen von 2008 beginnen, der dann Vorrang gegenüber
parlamentarischen Auseinandersetzungen mit der Bush-Administration
erhalten wird.
Vor allem Hillary Clinton wird schon bald
versuchen, den Senat als Plattform für ihre präsidentiellen Ambitionen zu
nutzen. Hillary Clinton hat zur Zeit die besten Chancen, die
Demokratische Partei hinter sich zu vereinigen. Aber es wird Konkurrenten geben,
Evan Bayh (D-Indiana) zum Beispiel und sicher auch John Edwards.
Edwards fehlt aber in Zukunft sowohl eine geeignete Plattform – er ist
aus dem Senat ausgeschieden, um sich um die Präsidentschaftskandidatur zu
bewerben – als auch die notwendige politisch-ideologische Unterstützung
innerhalb der Demokratischen Partei, um erfolgreich zu sein.
In Zukunft zu
rechnen ist innerhalb der Demokratischen Partei aber auch mit dem neuen Star der
amerikanischen Politik: Barack Obama. Er hat seinen politischen
Durchbruch auf dem Parteitag der Demokraten in Boston erzielt und seine
politische Anziehungskraft mit einem überwältigenden Wahlsieg im Kampf um den
Senatssitz von Illinois unter Beweis gestellt. Ihm wird durchaus zugetraut, der
erste schwarze Präsident Amerikas zu werden.
Unter den
Demokratischen Gouverneuren, denen präsidentielle Ambitionen nachgesagt werden,
sind vor allem Mark Warner aus Virginia, Bill Richardson aus New
Mexico zu nennen, und natürlich auch Howard Dean, ehemaliger Gouverneur
von Vermont. Wichtiger als eine Personaldebatte wird für die Demokraten sein,
zur Überwindung der Polarisierung Amerikas in Stadt und Land, Religiosität und
Säkularismus und Arm und Reich beizutragen. Bill Clinton gab der
Demokratischen Partei zum Teil Mitschuld an dem öffentlichen Eindruck, dass die
Demokraten gegen Familie und Moralität und für die Abtreibung und die
gleichgeschlechtliche Ehe seien. Er empfahl der Partei, das ländliche und
religiöse Amerika in einen nationalen Dialog über Religion und Werte
einzubeziehen. Clinton hat sicher Recht: Würde sich die Partei auch in
Zukunft darauf verlassen, ihre Basis in den städtischen Zentren der Ost- und
Westküste zu sehen (Kalifornien, New York und die Neuenglandstaaten), droht ein
struktureller Minderheitenstatus.
V. Die außenpolitischen Folgen
In der Außenpolitik steht George W. Bush nach
seinem beeindruckenden Wahlsieg vor einer schwierigen Aufgabe. Das amerikanische
Image in der Welt ist angeschlagen und es wird Zeit und Mühe kosten, wieder ein
Maß an Vertrauen zurück zu gewinnen, das erlaubt, die internationale
Zusammenarbeit zur Eindämmung des Terrorismus wieder auf eine bessere Grundlage
zu stellen. Für die Bush-Administration war es innenpolitisch von
Vorteil, den Irak-Krieg als Teil der Auseinandersetzung mit dem internationalen
Terrorismus darzustellen, um die amerikanische Intervention im Irak zu
rechtfertigen. Auf internationaler Ebene lassen sich die Irak-Frage und der
Terrorismus nicht verknüpfen. Es wird vielmehr darauf ankommen, beide
Fragenkomplexe sorgfältig zu trennen, um geeignete Lösungsansätze zu finden.
Auch Europa hat ein Interesse daran, dass sich die Lage im Irak stabilisiert, um
der Demokratie in diesem Lande eine Chance zu geben. Der Ausgang des Kriegs im
Irak ist aber noch immer ungewiss. Amerika wird dort noch auf längere Zeit in
einem Maße militärisch gebunden bleiben, das in Anbetracht der sich
abzeichnenden Dreifach-Krise im Iran, Nordkorea und im Nahen
Osten amerikanische Handlungsmöglichkeiten erheblich einschränkt. Hinzu
kommt, dass das amerikanische Ansehen in der Welt durch den Irak-Krieg
nachhaltig geschädigt ist. Reparaturbedürftig ist vor allem das Amerika-Bild in
der islamischen Welt. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus wird sich
nur dann gewinnen lassen, wenn dieser neue Konflikt nicht zu einem Kampf der
Kulturen degeneriert. Das bedeutet, auch den Friedensprozess im Nahen Osten zum
Erfolg zu führen. Bisher hat die Bush-Administration hier eher am Rande
gestanden und kaum eine aktive Rolle gespielt. Mit dem israelischen Rückzug aus
dem Gaza-Gebiet ergibt sich eine neue Dynamik für den Friedensprozess und dabei
darf die Bush-Administration nicht mehr nur am Rande stehen, sondern sie
muss aktiv eingreifen, um vor allem mit der Nachfolgegeneration von Yassir
Arafat die Zusammenarbeit im Interesse einer Friedenslösung aufzunehmen.
Für den Friedensprozess im Nahen Osten und die Frage, ob der Iran
und Nordkorea nuklearwaffenfrei gehalten werden können, ist in erster Linie eine
neue diplomatische Kraftanstrengung Amerikas erforderlich und die
Bush-Administration wird nicht umhin können, sich mit dem Iran und
Nordkorea auch auf bilateralem Wege auseinander zu setzen. In beiden Fällen sind
militärische Lösungen de facto nicht vorhanden. Amerika ist schon jetzt im Irak
in einem Maße militärisch gebunden, das wirksame militärische Optionen kaum
zulässt. Ob Luftangriffe wirklich die gewünschte Wirkung erzielen können, ist
sehr die Frage, denn unklar ist, ob sich die Angriffsziele hinreichend genau
lokalisieren lassen, um erfolgreich zu sein.
In Nordkorea ist
darüber hinaus die Lage auch dadurch kaum einer militärischen Lösung zugänglich,
dass die südkoreanische Hauptstadt Seoul in der Reichweite nordkoreanischer
konventioneller Waffen liegt, die eine erhebliche Abschreckungswirkung haben. Es
ist deshalb sehr fraglich, ob die Bush-Administration auch in Zukunft
ihren bisherigen außenpolitischen Kurs des Unilateralismus und der Abstützung
auf eine Koalition der Willigen fortsetzen kann. Im Irak sind Amerika die
Grenzen einer Präventivkriegsstrategie deutlich vor Augen geführt worden. Ob
Amerika in Zukunft wieder zu einem Kurs des außenpolitischen Realismus
zurückfinden wird, hängt in entscheidendem Maße auch von der Besetzung der
außen- und sicherheitspolitischen Schlüsselämter ab: das State Department, das
Pentagon und das Amt des nationalen Sicherheitsberater. Zu rechnen ist mit einem
großen Revirement, das vermutlich sowohl die außenpolitischen Schlüsselämter als
auch Wirtschaft, Finanzen, Justiz und Gesundheitswesen erfassen wird.
Die entscheidende Frage für Europa wird sein, ob die neue
außenpolitische Mannschaft zum Realismus zurückkehren wird, denn verlangt ist in
Zukunft auch ein größeres Engagement Amerikas zur Konfliktverhütung und zur
Krisenbewältigung:
- Die humanitäre Tragödie
in Dafur kann nur durch einen Eingriff von außen aufgehalten werden.
- In Afghanistan ist die
Demokratisierung und Stabilisierung des Landes noch lange nicht am Ziel
angelangt.
- Im Verhältnis zwischen
China und Taiwan könnte sich alsbald eine Zuspitzung und möglicherweise sogar
ein offener Konflikt ergeben, wenn Taiwan auf volle Staatlichkeit drängt.
- Eingedämmt werden muss
auch das globale Krisengeflecht von Armut, Hunger und Krankheit, allem voran
die globale AIDS- Krise.
Richard Haass, Präsident des Council on
Foreign Relations, und in der Anfangsphase der Bush-Administration
Leiter des Planungsstabes im State Department hat George W. Bush für die
zweite Amtsperiode in einem Beitrag für den Economist (6. – 17. November
2004) folgendes ins Stammbuch geschrieben: “Amerika wird nicht lange eine große
Macht bleiben können, wenn die wirtschaftlichen Grundlagen seiner Macht der
Erosion unterliegen. Amerika muss die Staatsausgaben zurückschrauben,
einschließlich sozialer Rechtsansprüche. Amerika muss auch eine seriöse und
verantwortungsbewußte Energiepolitik entwickeln. Die einzige Debatte, die
notwendig ist, ist eine über den richtigen Mix von gesetzlich verordneten
Verbesserungen beim Benzinverbrauch, von Investitionen im Bereich alternativer
Energie und neuen Steuern. All diese Herausforderungen sprechen für ein sich
stärker zurückhaltendes Amerika. Neue Kriege nach Wahl (wars of choice)
sind weniger wahrscheinlich.“
Washington, den 8. November 2004