Verantwortlich: Dr. Dieter Dettke,

Redaktion: Ursula Soyez

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Informationsservice des Washingtoner Büros der FES

Ausgabe 8/2004 – 19. April  2004



Die amerikanischen Wahlen, der Krieg im Irak und das konservative Amerika


Dass die Demokraten immer Schwierigkeiten hatten, sich hinter Präsident Bush zu stellen und den Irak-Krieg zu unterstützen, liegt auf der Hand. Howard Dean rüttelte die Demokratische Partei mit seiner Anti-Irak-Krieg-Rhetorik wach und hätte sich mit dieser Botschaft fast in den Vorwahlen durchgesetzt, wenn der Partei nicht Zweifel an der Wählbarkeit eines Kandidaten mit einer auf den Irak-Krieg fokussierten politischen Plattform gekommen wären.  John Kerry, der die Irak-Resolution des Kongresses unterstützt hatte und trotz Kritik am Vorgehen des Präsidenten noch heute dazu steht, dass das militärische amerikanische Engagement der USA im Irak nicht schief gehen darf, erschien als der Kandidat mit den besseren Karten in der Hand, gegen George W. Bush zu gewinnen.

Nun aber regt sich im konservativen Lager Amerikas immer mehr Widerstand gegen ein militärisches Engagement, das in den Medien bereits zu Parallelen mit Vietnam Anlass gegeben hat oder gar Vergleiche mit dem amerikanischen Fiasko in der Schweinebucht von Kuba heraufbeschwor. Das Festhalten von George W. Bush am bisherigen Kurs aus Gründen der Stetigkeit, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit – zuletzt demonstriert in einer der seltenen Pressekonferenzen von Präsident Bush (bisher gab es nur drei im Fernsehen übertragene Pressekonferenzen) – verliert jedoch zunehmend an Überzeugungskraft. Jetzt werden die Vereinigten Staaten nach der anfänglichen Befreiungsrhetorik von der Realität eingeholt und stehen vor der brutalen Tatsache, den Irak besetzt halten zu müssen bevor die Befreiung eintreten kann und im Irak demokratische Stabilität herrscht.  Auch ist unsicher, wer im Irak am 1. Juli Souveränität ausüben wird, obwohl feststeht, dass die amerikanischen Streitkräfte (und andere militärische Kräfte) dort noch für lange Zeit für Sicherheit sorgen müssen. In diesem Dilemma müsste politische Führung eigentlich mit einem Angebot politischer Analyse und Substanz für die Zukunft verbunden sein. Starke persönliche Überzeugungen von der Richtigkeit des Krieges – auch wenn sie, wie in der Pressekonferenz vom 13. April geschehen, religiös begründet werden: “Freiheit ist nicht das Geschenk Amerikas an die Welt. Freiheit ist das Geschenk Gottes für alle, für Mann und Frau, in dieser Welt; und als die stärkste Macht auf dieser Erde haben wir eine Verpflichtung, die Freiheit auszuweiten ... Dazu sind wir [von Gott] berufen, was mich betrifft” – reichen nicht mehr aus, um die amerikanische Öffentlichkeit zu überzeugen, dass auch nach der offiziellen Beendigung des Krieges Menschenopfer zu beklagen sind, jetzt sogar insgesamt mehr als durch den Krieg selber. Die Gefahr für Amerika ist nicht nur, dass die mit 1,2 Millionen Mann zahlenmäßig vergleichsweise niedrig besetzten US-Streitkräfte personell unverhältnismäßig stark gefordert sind (für jeden im Ausland eingesetzten Soldaten braucht man mindestens drei, um das Engagement auf Dauer zu halten, d.h. Im Irak sind insgesamt fast die Hälfte der US-Streitkräfte gebunden), sondern dass sich über kurz oder lang eine psychologische Erosion der politischen Unterstützung für diesen Konflikt ausbreiten wird.

Der Weekly Standard, eine der stärksten publizistischen Säulen für den Krieg im Irak, beginnt unangenehme Fragen zu stellen, die alle von der Voraussetzung ausgehen, dass weder die jetzige Strategie noch der Mitteleinsatz ausreichen werden, um den Konflikt erfolgreich beenden zu können. William Kristol und Robert Kagan, Autoren des Artikels “Too Few Troops” in der Ausgabe vom 26. April 2004 des Weekly Standard, fordern wenig verhüllt den Kopf von Verteidigungsminister Rumsfeld, weil er es versäumt habe, Streitkräfte zur Verfügung zu stellen, die – was vorhersehbar war – in der gewesen wären, angemessen zu reagieren.
Der Diplomat Chas W. Freeman, während des Golfkriegs Botschafter der ersten Bush-Administration in Saudi-Arabien und jetzt Präsident des Middle East Policy Council, macht die jetzige Bush-Administration auf folgende Lektionen aufmerksam:


Die neokonservativen Falken, die mit großem Enthusiasmus und mit der Inbrunst der Überzeugung zu dem Krieg im Irak geraten haben, und als große Visionäre einer Demokratisierung des Nahen Ostens gefeiert wurden, sind heute in der Defensive. Sie müssen sich von realistischen Konservativen fragen lassen, was aus ihren Voraussagen über die Befreiung des Irak geworden ist. Isolationistische Konservative wie Patrick Buchanan, der von Anfang an gegen den Krieg war, fordern heute schlicht den Rückzug Amerikas aus dem Morast des Irak. Auch die National Review, eine Zeitschrift des moderaten Konservatismus in den USA beginnt mit der Absatzbewegung  von den neokonservativen Falken, die zum Krieg geraten haben. National Review und auch das Cato-Institute nehmen dabei auch die Bush-Administration aufs Korn. In einem Artikel in der National Review unter dem Titel “An End to Illusion” wird der Bush-Administration vorgeworfen, die Schwierigkeiten einer Verpflanzung der Demokratie in eine stammesgeprägte Gesellschaft wie die des Irak unterschätzt zu haben. “Die Irakis müssen den Irak retten”,  nicht Amerika, heisst es in dem Editorial des National Review. Immer öfter warnen gerade Konservative vor einer Situation, in der noch im Oktober, einen Monat vor der Wahl, body bags (Sacksärge) nach Hause kommen.

Während John Kerry davor warnt, im Irak alles stehen und liegen zu lassen und vorschlägt, zur Not auch das militärische Engagement zu erhöhen, setzen immer mehr Konservative auf Rückzug, wie die New York Times in einem Artikel am 19. April “ Lack of Resolution in Iraq Finds Conservatives Divided” analysiert.
Die Konservativen kehren also wieder zu ihren isolationistischen Wurzeln zurück und Konservative wie Kagan und Kristol wünschen sich deshalb durchaus Unterstützung von liberalen Falken für ein Engagement das nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit spaltet, sondern auch das konservative politische Lager in Amerika.

Washington, 19. April 2004 (Dieter Dettke)


Dokumente:


David Kirkpatrick, “Lack of Resolution in Iraq Finds Conservatives Divided,” The New York Times, Monday, April 19, 2004
http://www.nytimes.com/2004/04/19/politics/19CONS.html

Bob Herbert, “The Wrong War,” The New York Times (Op-Ed), Monday, April 19, 2004
http://www.nytimes.com/2004/04/19/opinion/19HERB.html

Lewis L. Gould, “Questioning Bush. Leadership: Now, the Nation Needs Answers More than Exhortations,” The Washington Post (Sunday Outlook), Sunday, April 18, 2004
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A19470-2004Apr17.html

John DeBlasio, “The War: What We’re Missing,” The Washington Post (Sunday Outlook), Sunday, April 18, 2004
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A19468-2004Apr17.html

Chas W. Freeman Jr., “The Cost of Arrogant ‘Daydreams’,” The Washington Post (Sunday Outlook), Sunday, April 18, 2004
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A19465-2004Apr17.html

The National Review editors, “An End to Illusion. We should downplay expectations,” The National Review, April 16, 2004
http://www.nationalreview.com/issue/editors200404160830.asp

Robert Kagan und William Kristol, “Too Few Troops,” The Weekly Standard, April 26, 2004
http://www.weeklystandard.com/Content/Public/Articles/000/000/003/977ovnnr.asp