
Kommentar, 2. Juli 2008
Kandidaten, Patriotismus und der 4. Juli
Almut Wieland-Karimi,
Leiterin des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Washington, D.C.
Patriotismus ist die conditio sine qua non eines jeden US-Amerikaners. Besonders sichtbar wird dieser nationale Stolz vor allem am 4. Juli, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung. 1776 lösten sich mit ihr 13 britische Kolonien in Nordamerika von Großbritannien, um den souveränen Staatenbund der Vereinigten Staaten von Amerika zu bilden.
Wenn sich auch kein Amerikaner gerne als unpatriotisch bezeichnen lassen möchte, so unterliegt der Begriff "Patriotismus" hierzulande unterschiedlichen Konnotationen. Während Konservative mit ihm die Ehrung der glorreichen Vergangenheit hervorheben, tendieren Liberale hingegen zur Auffassung, dass er der Schlüssel für die Zukunft sei. Mit dieser These beginnt Peter Beinarts Titelgeschichte in der aktuellen Ausgabe des Time Magazine: "The Real Meaning of Patriotism". Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen sind vereint unter dem Banner der Stars and Stripes.
Es scheint nicht verwunderlich, dass sich gerade in Zeiten eines immer deutlicher personifizierten Wahlkampfes die Themen vor diesem wohl wichtigsten nationalen Feiertag um den Patriotismus der beiden Präsidentschaftskandidaten drehen. Dem von der McCain Kampagne aufgeworfenen Zweifel an Obamas Patriotismus entgegnete dieser versiert und ohne Gegenvorwürfe. Solche kommen allerdings vermehrt von bekannten Demokraten, wie beispielsweise General Wesley Clark. Doch auf dieses Niveau wollen sich beide Kandidaten nicht einlassen, denn wenn es um den eigenen Patriotismus geht, verstehen Amerikaner keinen Spaß. Ein unbedachtes Wort, ein vermeintlich cleverer Vorwurf kann bei diesem heiklen Thema viele Wählerstimmen kosten. Obama sprach in "Independence", einer kleinen Vorstadt von Kansas City, davon, dass Patriotismus in der amerikanischen Geschichte schon immer entweder als politisches Schwert oder politischer Schild. Obamas Wahlkampfteam hat kürzlich genau für solche und andere Verleumdungskampagnen eine Website veröffentlicht, die dem entgegenhalten soll.
Den 4. Juli verbringen Amerikaner, bewaffnet mit Picknickkorb und Grill, in einem der vielen Parks des Landes, um am Abend eines der vielen grandiosen Feuerwerke mitzuerleben. Genau zu einem solchen Picknick im Rahmen von Familie und Freunden ruft Senator Barack Obama seine Unterstützer auf seiner Homepage auf. Senator John McCain scheint hier noch unentschlossen. Den Tag der Unabhängigkeit verbrachte McCain vergangenes Jahr im Übrigen im Irak.
Für deutsche Beobachter ist das Flaggenmeer allerorten in den USA ein überwältigender Anblick. In vielen Vorgärten wehen amerikanische Flaggen und der Großteil der Abgeordneten und Regierungsvertreter trägt eine US-Flagge als Anstecknadel am Revers. Die Stars and Stripes sind wie in jedem Jahr allgegenwärtig. Dies ist die Kraft des Patriotismus, oder mit Beinars Worten: "Patriotismus sollte stolz sein, jedoch nicht blind, kritisch und dennoch liebevoll".





