
Kommentar, 19. September 2008
Das Phänomen Sarah Palin
Das Ende des Feminismus oder Frauen an die Macht!?
Almut Wieland-Karimi,
Leiterin des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Washington, D.C.
Trotz des Aufschreis der emanzipierten US-Amerikanerinnen und anderer Frauen und Männer weltweit könnte die Benennung von Palin zur Vizepräsidentschaftskandidatin einen wundervollen Effekt haben: Auch das konservative Amerika, traditionell im ländlichen Mittleren Westen, könnte anerkennen, dass Familie und Beruf miteinander vereinbar sind.
Ansonsten: Was für ein genialer Coup von McCain, den Finger in die Demokratische Wunde zu legen und das auch noch unmittelbar nach dem furiosen Parteitag in Denver. Immer noch sind viele der 18 Millionen, die in den Vorwahlen für Hillary Clinton gestimmt haben, sauer, dass sie nun keine offizielle Rolle nach der Wahl innehat. Manche sind nicht nur sauer, sondern fühlen sich persönlich verletzt. Beim Demokratischen Parteitag in Denver Ende August saß ein älterer Herr neben mir, der nicht mehr aufhören konnte zu weinen, als Hillary sprach. Schließlich sei sie doch die eigentliche Heldin Amerikas. Viele aus dem Hillary-Camp hatten sich bereits vor Barack Obamas Rede im Invesco Stadium nach Hause verabschiedet.
Der Gegensatz könnte größer nicht sein und ist trotz allem nicht ohne jede Komik: McCain zaubert Sarah Palin aus dem Hut während sich Hillary Clinton, die seit Jahren auf ihre Kandidatur hingearbeitet hat, gerade erst geschlagen geben musste.
Aber wird das Phänomen Sarah Palin auch mittelfristig funktionieren? Zurzeit liefern sich Fans und Gegner beachtliche Wortgefechte. Auf der einen Seite: Hockey-Moms und hysterische Palin Anhängerinnen, die eher an die jugendlichen weiblichen Fans einer Teenieband als den Wahlkampf im (noch immer) mächtigsten Land der Welt erinnern. Auf der anderen Seite: Die eher liberalen Städterinnen, die wissen, dass der Kampf um die Emanzipation noch lange nicht beendet ist, da weniger als 20% der öffentlichen Ämter mit Frauen besetzt sind. Sie hatten sich "eine der ihren", eine bewusste, weltoffene und politisch gebildete Frau als role model im Weißen Haus gewünscht. Sie wollten Hillary Clinton. Sie bekamen Sarah Palin. Einen "Pitbull mit Lippenstift", der Elche und Eisbären erlegt und gerne Sexualkunde aus US-amerikanischen Klassenzimmern verbannen würde. Die Rechnung scheint aufzugehen, denn Palin kommt bei den Leuten an und die Umfragen sind bedenklich knapp. Zwar hat Obama aktuell wieder einen kleinen Vorsprung, aber McCain gewinnt Zuspruch von Frauen: Anfang August lag sein Zuspruch bei Wählerinnen bei 36%, Mitte September bei 43%. Und dies obwohl man den Erfolg ihres Weltbildes an Palins Familie ablesen kann und Sie bereits unfreiwillig zu erkennen gab, dass eine verantwortungsvolle, umsichtige Außenpolitik von ihr wohl nicht zu erwarten sei.
Dies ist vor allem für den Obama-Fanclub in Europa und weltweit für all diejenigen, die nach acht Jahren Bush-Administration ihre Sympathie für die USA neu erfinden möchten, schwer zu verstehen. Aber die Einzeiler, die vor allem Palin scharf gegen ihren Demokratischen, fast gleichaltrigen Kontrahenten Obama schießt, haben seine vermeintlichen Schwächen blank gelegt. Obama gilt mitunter als elitär und abgehoben. Andererseits trifft die Grundlage der Republikanischen Kritik an Obama auch Palin: Beide sind jung und relativ unerfahren!
In Alaska gibt es einen Bumpersticker: Coldest State - Hottest Governor! Über dessen Aussage werden wir noch lange diskutieren müssen: Obama ist eindeutig charismatisch, smart und gutaussehend. Das wird ihm viele Wählerstimmen einbringen. Zwar beschäftigen sich viele Wähler auch mit den unterschiedlichen Wahlprogrammen, aber das Auftreten des Kandidaten und die damit assoziierte Kompetenz, Stärke und Vertrauenswürdigkeit werden aus dem Bauch entschieden. Mit Sarah Palin haben die Republikaner Obama nun ein mediales Naturtalent entgegenzusetzen. Dass Palin nur wegen ihres Geschlechts benannt worden und diese Tatsache eigentlich frauenfeindlich sei, darüber kann man sich trefflich streiten.
Ob das Palin-Phänomen den Republikanern aber zum Wahlsieg verhelfen wird, ist längst nicht sicher. Zwar saßen die Demokraten in den letzten Tagen vor Sarah Palin wie das Kaninchen vor der Schlange, aber - wie wir seit Bill Clinton wissen - zählt etwas völlig anderes: Die ökonomischen Probleme sind derartig eklatant, "McPalin" wird sich nicht eindeutig genug von der Bush-Administration und deren Agenda absetzen können, die letztendlich für die wirtschaftliche Misere verantwortlich gemacht werden. Bushs Umfragewerte sind mit 25% Anerkennung im Keller und McCain vermeidet es tunlichst mit der jetzigen Administration in Verbindung gebracht zu werden. Man könnte fast meinen, sie gehörten nicht zur selben Partei.
Eine Frau im Weißen Haus wäre sicherlich wünschenswert, doch es sollte eine politisch versierte und weltgewandte Frau sein. Schließlich würde Sarah Palin John McCain im Falle seines Todes beerben und müsste dann selber um drei Uhr morgens das rote Telefon beantworten. Russland mal von Alaska aus gesehen zu haben ist hierfür eindeutig keine ausreichende Qualifikation. Das Ziel des Feminismus' ist mit Sarah Palin noch lange nicht erreicht.





