
Analyse, 24. Oktober 2008
Frühwahlstimmen en masse
Ein Plus für Obama
Almut Wieland-Karimi,
Leiterin des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Washington, D.C.
Nicht jeder Wahlberechtigte kann schon vor der Wahl am 4. November seine Stimme abgeben. Doch in 33 von den 50 Bundesstaaten können Wähler schon Wochen vor der eigentlichen Wahl entweder in Schulen, Bibliotheken oder Shopping Centern ihre Stimme persönlich abgeben oder per Brief einschicken. Meist muss dafür nicht einmal ein Grund angegeben werden. Die Möglichkeit des Frühwählens erfreut sich seit Jahren wachsender Beliebtheit: Im Jahr 2000 waren es 14 Prozent, 2004 schon 20 Prozent. In diesem Jahr soll die ein Drittel Marke geknackt werden.
Immer mehr Bundesstaaten bieten die Möglichkeit der Frühwahl an, weil die Warteschlangen am Wahltag in der Vergangenheit viele Wähler abgeschreckt haben. Zudem wird immer an einem Dienstag im November gewählt und viele Menschen müssen regulär arbeiten. In manchen der schwer umkämpften Bundesstaaten mussten Wahlberechtigte bei den vergangenen Wahlen bis zu neun Stunden anstehen, bevor sie das Wahllokal überhaupt betreten hatten. So hielten Tausende das lange Warten in Floridas tropisch-schwülem Klima oder Ohios Novemberkälte für unzumutbar. Bei der Wahl 2004 gingen Senator John Kerry auf diese Weise allein in diesen Bundesstaaten tausende von Stimmen verloren. Jedoch ist es ein enormer organisatorischen Aufwand und Arbeitskraft nötig, diese Frühwahlmaschinerie in Gang zu bringen und korrekt abzuwickeln.
Geduldige Wähler vor einer zum Wahllokal umfunktionierten Bibliothek in Miami, Florida am 20. Oktober 2008
Jim Kitchens, Spezialist für politische Kommunikation in Orlando/Florida berichtete einer Gruppe von deutschen Wahlkampfbeobachtern und mir von einer fast unglaublichen Innovation der Obama-Kampagne: Er sei registrierter Demokrat und habe am Mittwoch (22.10.), an einem der ersten Frühwahltage in Florida, seine Stimme abgegeben. Am Abend habe er ein E-mail von der Obama-Kampagne mit der Botschaft erhalten: Vielen Dank, Jim, dass du schon gewählt hast. Bitte sprich die folgenden drei deiner Nachbarn (John X, Frank Y, Susan Z) an, auch bereits jetzt zu wählen. Die drei Genannten seien auch registrierte Demokraten, so dass die Partei Zugang zu ihren Daten und Namen habe. Außerdem habe sie Einsicht ins Wählerverzeichnis, so dass sie von Jims Wahl wussten.
Die Wahlkampfmaschinerie Obamas ist beispiellos und übertrifft alles, was man an technologischen Neuerungen aus früheren Wahlen kannte. Die Frühwahl ist eines ihrer strategischen Instrumente, um sicherzustellen, dass sich die breite Unterstützung für Barack Obama tatsächlich auch in Stimmen niederschlägt. Ein weiteres Element: für iPhones und Blackberrries gibt es eigene Anwendungen ("applications") zum Herunterladen, die alle Wahlkampfveranstaltungen in der engeren Umgebung auflisten und ständig aktualisieren, die neuesten Umfragen veröffentlichen und natürlich live darüber berichten, was ihr Kandidat gerade sagt oder tut. Auch erhält man in den Bundesstaaten, in denen Frühwahlen möglich sind, SMS und E-mails, die - mit persönlicher Anrede - aufrufen, schon vor dem 4. November zu wählen.
Die McCain Kampagne dürfte ob der Obama-Wahl-Techno-Revolution recht beunruhigt sein.





