Kommentar, 28. Oktober 2008
Swing when you're voting
Henriette Müller,
FES Stipendiatin in Ohio
Eigentlich erscheint es unmöglich von Deutschland aus in die USA zu fliegen, um in diesem riesigen Land mit seinen 50 Bundesstaaten und mehr als 300 Mio. Einwohnern eine wissenschaftlich angemessene Wahlbeobachtung der diesjährigen Präsidentschaftswahlen durchzuführen. Es sei denn, man setzt sich direkt in eines der berühmt berüchtigten Wespennester, in denen zumeist die Schlacht ums Weiße Haus entschieden wird, da hier alle politischen Debatten und Meinungen zusammentreffen und somit einen Hotspot der Wahlen bilden.
Einer dieser so genannten Swing States ist Ohio. Gelegen im Nordosten, direkt am Erie-See, gehört er zum amerikanischen heartland. Mit seinen rund 11,5 Mio. Einwohnern, die allesamt einen Querschnitt durch die amerikanische Gesellschaft bilden - vom Farmer über den Arbeiter bis hin zum Akademiker - wird es wohl auch wieder in diesem Jahr, wie bereits in den Wahljahren zuvor, das Zünglein an der Waage sein, um die Präsidentschaftswahlen zu entscheiden. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass in den Städten wie Columbus (Hauptstadt des Bundesstaates), Cincinnati im Süden oder Cleveland im Nordosten zumeist die Demokraten vorn lagen, jedoch die Republikaner in den ländlichen Gebieten überlegen waren.
Um den Wahlkampf an der Basis hautnah erleben und beobachten zu können, haben wir uns, eine Gruppe bestehend aus acht Studierenden der Universität Hildesheim und unserer Dozentin Prof. Dr. Claudia Derichs, direkt ins Getümmel eines typisch amerikanischen Vorortes gestürzt - Bowling Green, Vorort von Toledo, gelegen im Nordosten von Ohio. Swing when you're voting scheint das Motto der absolut hoch motivierten Demokraten in dieser Kleinstadt zu sein. Das Wahlkampfbüro ist stets gefüllt mit interessierten und helfenden Menschen, um den Wahlkampf voran zu bringen. Warmherzig wird man empfangen und sofort mit Informationen aller Art gefüttert und in die Gruppe integriert. Ganz im Gegenteil zum Wahlkampfbüro der Republikaner - hier herrscht gähnende Leere. Unmotiviert schaut ein Mitarbeiter drein, der einem weder Infos zu Themen noch Terminen der Kandidaten geben kann. Noch nicht einmal die Werbe-Buttons sind in diesem Büro kostenlos.
In ersten Gesprächen mit den Studierenden der Bowling Green State University kristallisierte sich ein mehrheitlich positives Bild für die Demokraten heraus. Wir erfuhren jedoch auch, dass dieser Wahlkampf ein ganz anderer sei als alle anderen zuvor. Nicht nur wegen der Eckdaten - Barack Obama, der erste schwarze Senator und John McCain, der Älteste ever - sondern auch weil ihrer Ansicht nach bei dieser Wahl, so viel wie nötig so wenig möglich, über Inhalte diskutiert werden. Im Grunde genommen konzentrieren sich die Kampagnen vollkommen sinnentleert nur auf die Kandidaten. Insbesondere deshalb werden hier viele Menschen froh sein, wenn der Campaigning-Spuk vorbei ist und wieder Ruhe in das weite öde Land kehrt.
Doch noch wird gekämpft und gebettelt um jede Stimme und alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Eine Wunderbare davon, war der Besuch Madeleine Albrights in einem Gemeindezentrum in Toledo. Die ehemalige US-Außenministerin und UN-Botschafterin hielt einen Vortrag über Obama's Wahlkampf, lobte seine Fähigkeiten zu verhandeln und seine rationale Denkweise.
Trotz dieser außergewöhnlichen Auftritte mitten in Ohio ist weiterhin Vorsicht geboten in diesem sozial so vielschichtigen Bundesstaat. Neben einer ausgeglichenen Wahlkampfstrategie kommt es gerade in den Staaten, in denen sich die Bürger meist erst kurz vor Schluss entscheiden, auf das richtige Timing an. Am 27. Oktober 2008 trat John McCain in Dayton auf. Deshalb, scheint es auch notwendig, dass kurz vor Schluss Barack Obama sich hier noch einmal selbst die Ehre geben wird, um diesmal endlich diesen Hotspot der Bundesstaaten für die Demokraten entscheiden zu können. Time's running und wir dürfen gespannt bleiben...







