Die Bereitschaft, das Wohl des Landes vor die Partei zu stellen

Geoffrey Kabaservice, Direktor der politikwissenschaftlichen Abteilung des Niskanen Center, gibt einen Einblick in die republikanische Opposition gegen Donald Trump.

Mit dem Übergang des US-Präsidentschaftswahlkampfes von den Vorwahlen in die heiße Wahlkampfphase macht sich eine neue und lautstarke republikanische Opposition gegen Trump bemerkbar. Die breite Koalition von Anhängern der Republikanischen Partei läuft  unter dem Namen „Never Trump“ und galt lange als politisch bedeutungslos: Von den Republikanern kam immer zu wenig, zu spät, wenn es darum ging, sich Donald Trump und seinen Verbündeten im Kongress entgegenzustellen. Doch die Kampagne und gebündelten Kräfte von Gruppen wie The Lincoln Project, Republican Voters Against Trump und 43 Alumni for Biden kritisieren die Trump-Regierung und ihre innenpolitischen Verbündeten nun auf provokante Weise und rufen zur Wahl von Joe Biden auf, dem gegenwärtigen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, und in einigen Fällen zur Wahl von Herausforderern der amtierenden Republikaner in sogenannten down-ballot races. In diesem Interview gibt Geoffrey Kabaservice, Direktor der politikwissenschaftlichen Abteilung des [Washingtoner Think Tanks] Niskanen Center, einen Einblick in die republikanische Opposition gegen Donald Trump und die Bereitschaft, das Wohl des Landes über die Partei zu stellen.

Dieses Interview wurde gekürzt und redigiert. 

  

Wie würden Sie diese Kreise beschreiben, die sich im konservativen und republikanischen Lager gegen Trump formieren? Wie erklären Sie sich dieses Phänomen? 

Es gibt hier meiner Ansicht nach eine große Unbekannte: Warum haben die führenden Köpfe der Republikaner, die in der Außenpolitik, im Inneren der Partei, im Wahlkampf und in Think-Tanks aktiv gewesen sind – warum haben einige von ihnen Trump konsequent die Stirn geboten, warum haben sich andere zunächst gegen Trump gesträubt und sind dann aber eingeknickt, und warum haben wieder andere überhaupt keinen Widerstand gegen Trump geleistet? Ich bin da selbst überfragt. Doch es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen ziemlich entschieden gegen Trump ausgesprochen haben, schon seitdem er seine Kandidatur im Jahr 2015 ankündigte, und die auch nach wie vor eine klare Stellung beziehen. 

Der Unterschied zu Heute ist wohl, dass es aus diesem republikanischen Never-Trump-Umfeld 2016 keinen wirksamen Widerstand gegen Trump gegeben hat. Das lag zum Teil daran, dass man nicht damit rechnete, dass er überhaupt die Nominierung, geschweige denn die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden würde. Und dann war Trump bis zu einem gewissen Grad ein unbeschriebenes Blatt. Einige Leute gaben sich der Illusion hin, er würde sich, wenn er erst einmal im Oval Office sitzt, anders – nämlich tatsächlich wie ein Präsident – verhalten, da wurden sie schwer enttäuscht! Ich denke daher, wir erleben jetzt gerade eine besser koordinierte Vorgehensweise und einen größeren Organisationsgrad vonseiten der Never-Trump-Bewegung – das heißt vonseiten eben jener von Ihnen bereits erwähnten Gruppierungen.


"...Warum haben die führenden Köpfe der Republikaner, die in der Außenpolitik, im Inneren der Partei, im Wahlkampf und in Think-Tanks aktiv gewesen sind – warum haben einige von ihnen Trump konsequent die Stirn geboten, warum haben sich andere zunächst gegen Trump gesträubt und sind dann aber eingeknickt, und warum haben wieder andere überhaupt keinen Widerstand gegen Trump geleistet?" 

 

Damit wäre die Frage geklärt, „wo diese Leute in den letzten fünf Jahren waren“ und „warum sie erst jetzt aus der Versenkung aufgetaucht sind“...

Es ist schwierig, allgemeine Aussagen über eine große Zeitspanne und eine Vielzahl von Menschen zu treffen. Meine Arbeitgeber im Niskanen Center waren immer konsequent gegen Trump, auch wenn sie nicht durchgängig Republikaner waren. Wir haben daran gearbeitet, Menschen aus diesem Umfeld zusammenzubringen, es ist also nicht so, dass wir untätig gewesen wären. Da reicht ein Blick auf die großen Namen der konservativen Opposition. Bill Kristol war sehr hartnäckig in seinem Widerstand gegen Trump, und The Weekly Standard, den Kristol gegründet hatte, brach mehr oder weniger deshalb zusammen, weil er von Trump-Anhängern zu Fall gebracht wurde. The Bulwark war ein ziemlich großer Erfolg, der dazugehörige Podcast hat viel Aufmerksamkeit erregt. Kristol hat zusammen mit Sarah Longwell den Dachverband „Defending Democracy Together“ ins Leben gerufen, und gemeinsam haben sie sehr konkrete Initiativen initiiert, [unter anderem] „Republicans for the Rule of Law“, ein Zusammenschluss, der sich sehr im Amtsenthebungsverfahren engagiert hat, und jetzt zeigt ihre Kampagne „Republican Voters Against Trump“ erste Auswirkungen auf die Umfrageergebnisse im Vorfeld der Wahlen. 

Es stimmt, dass die einzelnen Akteure des Lincoln-Projekts bis vor einem Jahr nicht viel über ihre individuellen Kompetenzen hinaus aktiv waren – sie schrieben die ganze Zeit Leitartikel, waren auf Twitter aktiv, hatten eine große Anzahl an Followern –, aber jetzt haben sie sich zusammengetan und Geld aufgetrieben mit dem konkreten Ziel, Trump und seine Wegbereiter im Kongress in die Knie zu zwingen. Das ist ein großer Erfolg, einfach weil es in den Medien für Wirbel sorgt, wenn Republikaner gegen ihre eigene Partei aufbegehren. Mit den „43 Alumni for Biden“ [die sich aus ehemaligen Regierungsbeamten von George W. Bush zusammensetzen] verhält es sich ganz ähnlich.

Auch unter den Never-Trump-Aktivisten müssen wir unterscheiden zwischen Republikanern, die zwar gegen den Präsidenten sind, aber dennoch Loyalität gegenüber der Partei empfinden und sich deshalb nicht an Kampagnen gegen amtierende Kongressabgeordnete beteiligen, und denen, die es für eine ebenso wichtige, wenn nicht sogar noch bedeutsamere Aufgabe halten, auch Trumps Wegbereiter im Kongress zu stürzen.

Die Never-Trump-Bewegung zieht die Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen an. Einige sind überzeugte Konservative, die der Meinung sind, dass Trump ihre Prinzipien verraten hat, und deshalb lehnen sie ihn ab. Andere würden sich wünschen, dass sich die Republikanische Partei in eine fortschrittlichere Richtung entwickelt oder ein breiteres Publikum anspricht, und ihnen missfällt, wie Donald Trump das Land spaltet und es am liebsten nach rassistischen Gesichtspunkten aufteilen würde. Und dann gibt es wieder andere, die ganz bestimmte politische oder thematische Anliegen haben: Sie meinen, der Klimawandel sei das eigentlich drängende Thema unserer Zeit; sie denken, Reformen im Bereich Gleichberechtigung und Rassismusbekämpfung sollten im Fokus stehen.

Es handelt sich nicht um ein einheitliches Bündnis, aber es hat Einfluss auf die derzeitige Dynamik des Wahlkampfes.

 

"[...wir müssen] unterscheiden zwischen Republikanern, die zwar gegen den Präsidenten sind, aber dennoch Loyalität gegenüber der Partei empfinden und sich deshalb nicht an Kampagnen gegen amtierende Kongressabgeordnete beteiligen, und denen, die es für eine ebenso wichtige, wenn nicht sogar noch bedeutsamere Aufgabe halten, auch Trumps Wegbereiter im Kongress zu stürzen."

 

Wir haben es also mit einer breiten Koalition zu tun, die eher heterogen ist als dass sie einen monolithischen Block innerhalb der republikanischen Partei darstellte. Aber inwiefern handelt es sich auch um einen Aufruf, über den eigenen Schatten zu springen und für jemanden zu stimmen, der – für Konservative – sonst überhaupt nicht in Frage käme? Wie realistisch ist es, dass man Hoffnung auf diese Gruppen oder Persönlichkeiten setzt oder sogar mit ihrer Unterstützung rechnet, in dem Falle, dass sich Biden für einen eher progressiven Vizepräsidentschaftskandidaten entscheidet, mit dem oder derjenigen er zur Wahl antritt? Würde sich diese Koalition auch nach der Wahl hinter Biden sammeln?

Auch auf diese Frage gibt es keine Pauschalantwort. Es gibt einige Never-Trumper, die überhaupt nicht wählen gehen werden – sie stellen eine relative Minderheit dar.

Ich würde sagen, die meisten werden für Joe Biden stimmen. Manche von ihnen werden sich an der Wahlurne richtig überwinden müssen. Viele erklären seit langem, dass sie ihre Stimme jedem geben würden, der nicht Donald Trump ist.

Aber es gibt auch eine beträchtliche Anzahl unter ihnen, die Joe Biden tatsächlich zu schätzen wissen. Einige hätten zwar nicht für Bernie Sanders gestimmt, können sich mit Biden aber durchaus anfreunden, und einige blicken sogar mit echter Überzeugung in diese Richtung. In vielerlei Hinsicht war Biden einer der am ehesten zentristischen unter den demokratischen Bewerbern. Und viele Never-Trumper sind von dem Gefühl getragen, dass die [klassisch] liberalen Grundsätze des Landes auf dem Spiel stehen, und dass diese von beiden Extremen, von links sowie von rechts, bedroht sind. Daher war jemand wie Biden als Kandidat der Demokraten besser geeignet als einige seiner Konkurrenten.

Ich denke, es gibt einige Leute, die wieder davon abrücken werden, für Biden zu stimmen, wenn er jemanden aus dem linken Flügel wie beispielsweise Stacey Abrams als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft nominiert. Und das ist insofern tatsächlich eine berechtigte Überlegung, als Biden, wenn er gewinnt, der älteste jemals vereidigte Präsident wäre. Also ist es tatsächlich vorstellbar, dass die Vizepräsidentin seine Nachfolge antritt, wenn er vor Ablauf seiner Amtszeit stirbt. Für gewöhnlich werden jedoch nur die wenigsten Wahlen durch die Besetzung einer VP-Kandidatin beeinflusst. Und ich denke, jeder kann nachvollziehen, dass Biden die gebildeten Wechselwähler aus den Vorstädten auf seine Seite ziehen muss, die bei dieser Wahl entscheidend sein werden, dass er aber auch den progressiven Flügel seiner Partei zu besänftigen hat. 

Es wäre keineswegs verwunderlich, würde seine Wahl auf eine afroamerikanische Frau fallen, die deutlich linkere Standpunkte vertritt als er. Ich glaube nicht, dass dies für die meisten Never-Trumper eine große Rolle spielen wird. In erster Linie wollen sie Trump gehen sehen. Sie wünschen sich, dass die Republikanische Partei bei dieser Wahl eine haushohe Niederlage einfährt, damit jedem klar wird, dass Trump eine Gefahr für die republikanische Identität darstellt und die Partei sich ändern muss. Die Republikanische Partei kann die Mehrheit im Repräsentantenhaus oder das Popular Vote bei den Präsidentschaftswahlen nicht für sich entscheiden, wenn sie nicht auf die vorstädtisch geprägten Wechselwähler mit College-Abschlüssen zugeht. Und diese Wählerschaft ist völlig abgestoßen von Trumps Rassismus, seinem Protektionismus, seiner Inkompetenz... man könnte die Liste seiner Übertretungen endlos fortsetzen... 

Einige Never Trumper tragen sich aus strategischen Gründen mit der Sorge, dass Biden keine Vizepräsidentschaftskandidatin wählt, die zu weit links steht, denn so dürfte man einige Republikaner auf den unteren Rängen verlieren, insbesondere auf Senatsebene. Aber das sind ziemlich abstrakte strategische Überlegungen. Die meisten wollen einfach nur, dass Trump verschwindet.

 

"...jeder kann nachvollziehen, dass Biden die gebildeten Wechselwähler aus den Vorstädten auf seine Seite ziehen muss, die bei dieser Wahl entscheidend sein werden, dass er aber auch den progressiven Flügel seiner Partei zu besänftigen hat."

 

Glauben Sie, dass diese Organisationen versuchen, sich als die Zukunft des amerikanischen Konservatismus zu behaupten oder eine solche zu entwerfen?

Nein, das glaube ich nicht. Es handelt sich ja größtenteils um politische Führungskräfte, von denen einige sicher gerne in einer zukünftigen republikanischen Regierung ein Amt besetzen würden. Ihnen geht es zuallererst um die Republikanische Partei und nicht um die konservative Bewegung oder die Definition von Konservatismus.

Viele Menschen wollen allerdings nicht, dass die Republikanische Partei wieder zu der Art konservativer Partei wird, die sie vor Trumps Wahl gewesen ist. Es gibt relativ wenige Never-Trumper, die eine Rückkehr zum Status quo ante anstreben oder erwarten. Ich denke, sie wünschen sich, dass die Republikanische Partei wieder zu einer Fraktionspartei wird, zu einer Partei mit einem gewissen Spielraum für gemäßigtere Kandidaten – ihnen ist klar geworden, dass nur solche Kandidaten die Bildungsschicht in den Vororten für sich einnehmen können, und diese ist entscheidend für die Wahlen, die Vororte sind die „swing districts“, mit denen die Mehrheit im Kongress steht und fällt.

 

Wenn eine Rückkehr zum Status quo ante nicht angestrebt wird, was sehen die ehemaligen Mitarbeiter der Bush-Regierung denn dann für Chancen in einer Biden-Regierung?

Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben [Rule and Ruin: The Downfall of Moderation and the Destruction of the Republican Party, from Eisenhower to the Tea Party], was für ein schwerer Verlust es für die Republikanische Partei gewesen ist, dass sie sich ihres gemäßigten Flügels entledigte. Aber um die Jahrtausendwende gab es diesen Flügel und diese Impulse noch in gewisser Weise. George W. Bush lief auf einer Schiene, die er einen „mitfühlenden Konservatismus“ nannte. [...] Eine der größten Errungenschaften des Weißen Hauses unter Bush war die Verabschiedung von PEPFAR [dem Notfallplan des Präsidenten für die AIDS-Hilfe], der Millionen von Menschen in Afrika vor dem Tod bewahrte – eine nicht zu unterschätzende Leistung. Es gibt Gründe, warum die 43 Alumni for Biden für Biden sind – sie sind der Meinung, dass es unter der Bush-Präsidentschaft viel Gutes gab, das von Trump rückgängig gemacht wurde.

 

Glauben Sie, dass die Definition von Konservatismus in der Folge der Trump-Präsidentschaft überdacht oder neu formuliert wird?

Die Entstehung des „Nationalkonservatismus“ ist die größte ideologische Entwicklung an dieser Front seit geraumer Zeit. Der nicht zu überhörende Startschuss fiel im vergangenen Juli unter der Schirmherrschaft der Edmund-Burke-Stiftung, als diese nämlich mit einer Konferenz, organisiert von Yoram Hazony und anderen, viele konservative Koryphäen an einen Tisch brachte, um sich über „amerikanischen Nationalismus“ zu reden. Ich betrachtete dies als einen „Retcon“-Versuch, also als ein Unterfangen, der Trump-Präsidentschaft retrospektiv einen intellektuellen, nämlich konservativen Rahmen zu geben, ihr einen kohärenten ideologischen Impuls zu verleihen. Es besteht kein Zweifel, dass Nationalismus hier ein verbindendes Element ist, daher sehen sie zum Beispiel auch in Ungarn und Polen Verbündete. Außerdem gehören zu dieser Ideologie noch ethnonationalistischer Stolz, eine Haltung gegen Einwanderung, für Protektionismus, eine natalistische Politik, Reindustrialisierung und vielleicht auf einer gewissen Ebene auch eine staatliche Industriepolitik.

Trump hat auf diesen Gebieten natürlich nicht besonders erfolgreich regiert, aber er hat sich in dieser Weise geäußert, auch in seiner Kritik an der Republikanischen Partei und der konservativen Bewegung im Allgemeinen. Die meisten „Buh-Rufe“ auf dieser Konferenz gab es übrigens immer dann, wenn das Wort Neokonservatismus oder der Begriff Libertarismus fiel, obwohl genau das doch zwei der drei Stuhlbeine gewesen sind, auf die sich der amerikanische Konservatismus Mitte der 1950er Jahre stützte, als er zu einer eindeutigen Bewegung zusammenwuchs.

Man kann sich also sehr darüber streiten, was Konservatismus überhaupt bedeutet, und bis zu einem gewissen Grad spielt das Niskanen Center hierbei auch eine Rolle. Aber wir sind keine wirklichen ideologischen Akteure. Man müsste sich Orte wie The Bulwark ansehen, oder Leute wie Charlie Sykes, oder Denker wie Yuval Levin [Gründer und Herausgeber von National Affairs]. Vorläufer der Never-Trumper waren auf gewisse Weise die „Reformicons“, die versuchten, den Konservatismus wieder verstärkt zu einer intellektuellen Bewegung zu machen, zu einer wirklich auf politische Entscheidungsprozesse ausgerichteten Ideologie, nicht das, was aus dem amerikanischen Konservatismus geworden war. Sie verlangten, dass er auf tatsächliche Probleme, insbesondere natürlich die Probleme der weißen Arbeiterklasse, eine Antwort findet.

Dies ist die Ebene, auf der die Schlacht in Zukunft ausgefochten wird. Der Trumpismus wird  sich aber nicht in Luft auflösen. Die Nationalkonservativen werden nicht einfach das Feld räumen. Auf Parteiebene wird es echte Machtkämpfe geben, und auf ideologischer Ebene wird man in den Think Tanks und den Medien um den intellektuellen Horizont streiten.

 

"Man kann sich also sehr darüber streiten, was Konservatismus überhaupt bedeutet..."

 

Aber konservative Denkströmungen, die in der Bevölkerung gut ankommen, kann man noch lange nicht als gut begründeten oder selbstverständlich demokratisch eingestellten Konservatismus bezeichnen – wie schätzen Sie den amerikanischen Konservatismus als eine ernstzunehmende politische Philosophie ein?

Ich denke, einiges davon hat mit dem Aufstieg von FOX News und Rush Limbaugh als neuer Kopf des [populären] Konservatismus zu tun. Der Konservatismus war ein anderer, als die National Review sein Sprachrohr war mit William F. Buckley Jr. an der Spitze. Ich würde sagen, dass unterhalb des Radars der breiten Öffentlichkeit eine Menge interessanter Dinge geschehen. In gewisser Weise habe ich das Gefühl, dass unter den Menschen, die rechts von der Mitte stehen, heutzutage die interessanteren Denker zu finden sind.

Ein Kommentar von Lionel Trilling aus dem Jahr 1950 bringt die Konservativen immer in Wallung. Trilling sagte, „der konservative Impuls und der reaktionäre Impuls drücken sich nicht [...] in Ideen aus, sondern nur in Handlungen oder in gereizten geistigen Gesten, die versuchen wie Ideen auszusehen“. Die Verärgerung über dieses Zitat war in gewisser Weise die Triebfeder für die Entstehung der konservativen intellektuellen Bewegung selbst. Bedeutende Denker in der frühen konservativen Bewegung wie Russell Kirk erwarben sich ihren Ruf, indem sie im Konservatismus einen durchlaufenden Faden in der amerikanischen Lebenswelt erkannten, nicht nur in intellektueller Hinsicht. Unter den Helden von Kirk waren auch Konföderierte, was aus heutiger Sicht natürlich problematisch ist, aber er zitierte auch die Agrarians, die Anti-Föderalisten und die europäischen Stränge des Konservatismus, die von Hayek und von Mises eingebracht wurden, von der Mount Pellerin Society. Es gibt eine rechtmäßige konservative Tradition, die eine Vielzahl von intellektuellen Disziplinen umspannt.

 

Wird Biden, falls er gewählt wird, ein [überparteiliches] Einheitskabinett bilden?

Biden wird kein Einigkeitskabinett bilden, weil er seine eigenen Leute zusammenhalten muss, und dafür hat er vielleicht nur zwei Jahre Zeit. Die Chancen stehen ziemlich gut, dass die Republikanische Partei dasselbe Programm abspulen wird wie 2008 mit Obama. Biden wird mit einer riesigen Kongressmehrheit hinter sich ins Amt kommen und einige Projekte verabschieden können, aber die Republikaner werden sich ihm bei jeder Gelegenheit in den Weg stellen. Und dann, wie bei Obama, als die Republikaner 2010 dank der Tea-Party-Bewegung wieder den zuvor verlorenen Boden unter die Füße bekamen, rechne ich damit, dass es bei der Biden-Regierung einen ähnlichen Backlash geben wird. Das wird wahrscheinlich im Jahr 2022 passieren, und wer auch immer der demokratische Kandidat im Jahr 2024 sein wird, wird es, denke ich, wirklich schwer haben.

Eine Biden-Regierung muss zwei Dinge gleichzeitig tun. Sie wird versuchen, einen progressiven Flügel zu besänftigen, der zu immer mehr, mehr, mehr bereit ist, um die Biden-Regierung in eine wesentlich progressive Richtung zu lenken. Aber sie weiß auch, dass sie auf die Unterstützung jener weitgehend gemäßigten, vorstädtischen Wähler mit Hochschulbildung angewiesen ist, die sonst zur Republikanischen Partei zurückkehren würden. Und das wird ein sehr schwieriger Balanceakt.


"Biden wird kein Einigkeitskabinett bilden, weil er seine eigenen Leute zusammenhalten muss, und dafür hat er vielleicht nur zwei Jahre Zeit."

 

Werden sich die Demokraten in den Vorwahlen 2024 mit Tucker Carlson als republikanischem Kandidaten konfrontiert sehen?

Das könnte passieren. Wenn Sie mich jetzt zum Raten zwingen wollten, würde ich sagen, dass Carlson Präsidentschaftskandidat werden könnte, falls Trump dieses Jahr verliert. Er ist Trumps logischer Nachfolger. Er ist klüger und konzentrierter als Trump. Und – ungewöhnlich für jemanden in seiner Position – er liegt Trump nicht zu Füßen, was ihm zugute kommen wird, wenn Trump diese Wahl verliert. Es ist eine deprimierende Aussicht.

Aber man kann nie wissen. Wir könnten einen Präsidenten Carlson erleben. Es ist aber auch möglich, dass diejenigen, die von dieser Entwicklung in der Republikanischen Partei abgestoßen sind, nie wieder zu ihr zurückkehren, weil die Partei mit Trump für sie einfach gestorben ist. Carlson greift auch jetzt noch Trumps Rassismus und andere zweifelhafte Positionen auf, und ich hoffe, das holt ihn irgendwann ein.

 

Worin besteht also im Jahr 2020 die Sprengkraft des heterogenen Bündnisses, das von konservativer und republikanischer Seite aus Widerstand gegen Donald Trump leistet?

Zentral ist, dass die Never Trumper noch bis vor kurzem als Ewiggestrige abgeschrieben waren, als völlig irrelevant für die aktuelle Ausrichtung der Republikanischen Partei galten und überhaupt keinen Einfluss hatten. Und jetzt, ganz plötzlich, besitzen diese Leute Grundstückswerte im Kopf von Donald Trump, gelten als sehr wichtig und produzieren eindringlichere Wahlwerbung, als es die Demokraten bisher vermochten. Diese Leute [insbesondere beim Lincoln-Projekt] verstehen sich unglaublich gut auf die Manipulation durch Emotionen. Sie verstehen, warum Leute, die einmal Republikaner gewählt haben, jetzt nicht mehr Republikaner wählen, und das ist eigentlich ein ziemlich wichtiger Teil der wahlberechtigten Bevölkerung. Es ist genau der Teil der Bevölkerung, der den Demokraten bei den Zwischenwahlen 2018 die Mehrheit im Repräsentantenhaus verschafft hat, und wenn eine genügende Anzahl dieser Leute nicht wählen geht oder für die Demokraten stimmt, dann kann Trump nicht gewinnen. Damit sind sie ungeheuer wichtig geworden.

Das bedeutet nicht, dass die Republikanische Partei nach Trump eine moderate Partei sein wird. Das wird sie nicht sein. Es bedeutet nicht, dass die Demokraten mit offenen Armen Never Trumper in ihren Reihen begrüßen werden. Das wird wahrscheinlich nicht passieren. Nichtsdestotrotz sind die Never Trumper eine wichtige Schaltstelle, weil sie verstehen, was in den Köpfen von ehemals republikanischen Wählern und von Wechselwählern vorgeht.

 

Aus dem Amerikanischen von Birthe Mühlhoff

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